Tanzen und kämpfen hat Rami früh gelernt. Mit elf, zwölf Jahren stand er zu Hause in Damaskus vor dem Spiegel, wiegte die Hüften, ließ das Becken kreisen, träumte vom Applaus, den berühmte Bauchtänzerinnen bekamen. Ein Junge, der tanzt und sich schminkt – eine Schande, sagte der Vater und verbrannte Ramis "unmännliche" T-Shirts, seine Mascara – und die Kajalstifte. "Eine Schwuchtel", sagten die Klassenkameraden in der Schule. Wann immer er es hörte, schlug er zu. "Du musst dich sofort wehren", sagt Rami, "sonst wird es schlimmer."

Er ist heute 42 Jahre alt und lebt im Exil in Beirut, ein kleiner, drahtiger Mann mit viel Energie und enormem Mitteilungsdrang. Sein Haar, kurz geschoren, gibt Geheimratsecken frei, zu unserem Treffen trägt er Jeans und Kapuzenpulli. Nichts an seinem Äußeren lässt den Bauchtänzer erahnen, der in syrischen Nachtclubs aufgetreten ist und durch verschiedene Städte in Asien tourte. "Ich war berühmt", sagt er. Nicht nur als Diva, sondern auch als "Mama in der Schwulenszene".

Rami* heißt in Wahrheit anders, auch seinen weiblichen Künstlernamen will er auf keinen Fall gedruckt sehen. Mit seinem Freund Ahmed ist er vor einem halben Jahr aus Damaskus nach Beirut geflohen. Zwei Mal hatte ihn das Regime von Präsident Assad verhaftet, auch die islamistischen Rebellen der Opposition haben ihn verfolgt. Er zieht sein Handy aus der Tasche und zeigt die Morddrohungen, die sie ihm per SMS schicken: "Abschaum", "Ungläubiger", "Feind Gottes".

"Schwule sind zum Abschuss freigegeben", sagt Rami. "Von allen Seiten." Mehr als eine Million Menschen hat der syrische Bürgerkrieg in den Libanon getrieben. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Flüchtlingen wollen Rami und Ahmed nie wieder in ihre Heimat zurück – egal, wie der Krieg dort ausgeht.

Zwei Stunden sollte das Gespräch mit den beiden im Büro der Beiruter Hilfsorganisation proudlebanon dauern. Daraus wurden zwei Tage. Immer mehr Männer fanden sich ein, die unbedingt ihre Geschichte erzählen wollten. Wie so viele Berichte aus Syrien sind ihre Aussagen schwer überprüfbar. Einige hatten Unterlagen von Prozessen dabei, andere zeigten Verletzungen an ihrem Körper. Einige stehen seit Monaten unter Beruhigungsmitteln, andere befinden sich in einem Zustand latenter Panik, weil sie sich in Beirut nicht sicher fühlen. Die Grenze nach Syrien ist nah und offen.

Bertho Makso, ein schwuler Aktivist mit der Statur eines Türstehers, leitet proudlebanon. Auf gerade mal 20 Quadratmetern bietet er Kurse für Englisch, Computer und Hairstyling an. Und er organisiert eine medizinische Sprechstunde und Therapeuten für die Flüchtlinge. Da ist Jawad, 42, ein Mann mit bildschönem Gesicht, zerstörtem Auge und zerstörter Psyche. In Syrien saß er wegen seiner Homosexualität fünf Jahre im Gefängnis, wo er gefoltert und vergewaltigt wurde. Im Libanon ist er zuletzt in einer Beiruter evangelikalen Kirche untergekrochen, die ihn für ein paar Mahlzeiten vom Islam sowie von seiner Homosexualität heilen wollte. "Sag mal Halleluja", sagt Makso, und Jawad ringt sich ein Grinsen ab.

Da ist Elmo, 33, ein kleiner Mann mit Brustansatz und zierlichen Händen, der aus dem syrischen Al Rakka stammt. Die Stadt steht unter Kontrolle der Al-Kaida-nahen Isis-Miliz. Elmos Familie hat ihn verstoßen, nachdem sie mehrmals Lösegeld für ihn bezahlen musste. Sein eigener Cousin, ein Isis-Kämpfer, hat gedroht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Für 13.000 Dollar, sagt Elmo, habe er sich bei Isis eine achtstündige Gnadenfrist erkauft, innerhalb derer er die Stadt verlassen konnte. Makso hat Elmo kürzlich in Beirut aus dem Krankenhaus geholt. Jemand hatte ihm unter schwulenfeindlichen Beschimpfungen das Nasenbein gebrochen.