Plankton ist etwas Herrliches. Anders als manche meinen, bezeichnet es kein Lebewesen, sondern eine Lebensweise. Plankton schwappt im Meer herum, lässt sich von Strömungen treiben und ist jeder freien Willensentscheidung über eine Richtungswahl entbunden. Zum Plankton zählen winzige Algen ebenso wie durchaus gar nicht so kleine Krebstiere, darunter der berühmte Krill, dessen Mitglieder bis zu sechs Zentimeter lang werden können und im Dunkeln leuchten wie eine schwachblaue LED. In der Polarnacht soll man das Leuchten beobachten können, ähnlich dem Leuchten eines riesigen kollektiven Computerbildschirms, vor dem sich die Netzgemeinde nächtens virtuell versammelt hat.

Plankton überhaupt eignet sich recht gut als Allegorie der engagierten Internetnutzer, deren Engagement ja ebenfalls nicht auf individuellen Entscheidungen beruht, sondern auf dem willenlosen Mitschwappen in einer Welle der Empörung. Der Shitstorm ist das typische Stoffwechselprodukt des Netzplanktons. Wie schön muss es sein, gemeinsam bei Twitter auf dem Donnerbalken zu sitzen! In alten Zeiten, also ungefähr vor zwei, drei Jahren, führte man das Vergnügen am massenhaften Ichverlust auf eine sogenannte Schwarmintelligenz zurück; der Fehler der Diagnose bestand nur darin, dass der Begriff die Vorstellung von Fischschwärmen aufrief, Fische aber sehr wohl aus eigenem Antrieb Richtungen einschlagen oder wechseln können.

Fische zählen eindeutig zum Nekton (griechisch: das Schwimmende), während die digital natives (englisch: Eingeborene) ebenso wie der Krill zum Plankton gehören (griechisch: das Umherirrende). Die Frage ist indes, wozu die in ewiger Nacht umherirrenden Eingeborenen da sind; – abgesehen davon, dass sie das sozialistische Ideal eines willenlosen Aufgehens im Gesamtkörper des Volkes veranschaulichen. Für die Weltmeere lässt sich die Antwort finden: Sie sind einfach Nahrung, sowohl für die kleineren Mitglieder des Nektons (Sardinen, Makrelen) wie auch für die ganz großen, die Blauwale oder Finnwale, die man Bartenwale nennt, weil sie mit ihren kammartig eng gestellten Zähnen (den Barten) aus dem Wasser das leckere Zeug herausfiltern. Plankton ist also Futter, so enttäuschend das auch für jeden einzelnen Krill oder Ruderfußkrebs sein mag, der unter dem Mikroskop sich als kostbar durchgebildetes Individuum präsentiert. Trösten könnte hier nur das berühmte Bibelwort in einer maritimen Abwandlung: Und schlürft der Blauwal auch den Krill im Dutzend pro Liter Wasser, so kennt doch Gott der Herr jeden einzeln.

Leider gilt das ebenfalls für das Internet, nur dass die Barten des gewaltigen Wals, der die User als Futter betrachtet, hier die Algorithmen von Google oder Facebook sind und dass die Netzkonzerne ihr massenhaft herausgefiltertes Futter nicht als Masse verdauen, sondern in identifizierbare Individuen zurückverwandeln. Mit anderen Worten: Im Internet ist Google der Walfisch und Gott in einer Person. Google oder Facebook ernähren sich von dem Netzplankton, gerade indem sie jeden einzelnen kennenlernen (und weiterverkaufen). Das klingt ein wenig philosophisch-abstrakt, aber es muss sich ja nicht jede naturhistorische Allegorie befriedigend auflösen lassen. Für den digital Umherirrenden wäre es jedenfalls nützlich, sich klarzumachen, dass er immer schon kolonisiert und ausgebeutet ist, und zwar gerade in seiner Individualität, die er im kollektiven Empörungsrausch rituell abzustreifen trachtet. Merke: Und wird auch der Shitstorm von Hunderttausenden anonym erzeugt, so kennt doch das Silicon Valley jeden Stuhlgang persönlich.