DIE ZEIT: Herr Faulstich, ist die Energiewende gescheitert?

Martin Faulstich: Gescheitert ist sie nicht. Aber es wäre gut, wenn sie schneller und stringenter vorangetrieben würde. Trotzdem bin ich davon überzeugt: Das Projekt lebt – und das ist gut so.

ZEIT: Momentan läuft das Vorhaben aber regelrecht aus dem Ruder. An der Börse wird der Strom billiger, zu Hause an der Steckdose wird er teurer – und während mehr grüner Strom erzeugt wird, steigt der Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid. Das versteht kein Mensch.

Faulstich: Deshalb fühlen wir uns als Sachverständigenrat auch in der Pflicht, für Aufklärung zu sorgen. Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass wir jedes Jahr für fast 100 Milliarden Euro Kohle, Öl und Gas importieren, während die Umlage für die erneuerbaren Energien nur rund 22 Milliarden Euro beträgt. Diese 22 Milliarden sorgen aber für Aufregung, während die viel größere Summe für die Importe mehr oder weniger stillschweigend zur Kenntnis genommen wird. Das ist schwer verständlich.

ZEIT: Die Kosten der Grünstromförderung würden womöglich für weniger Debatten sorgen, wenn Deutschlands CO₂-Ausstoß wenigstens sinken würde. Er steigt aber wieder, jetzt schon im zweiten Jahr nacheinander.

Faulstich: Das stimmt leider. Und es liegt daran, dass bei der Stromerzeugung vergleichsweise klimaverträgliches Erdgas durch Braunkohle verdrängt wird. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland so viele Kilowattstunden aus Braunkohle erzeugt worden wie seit 20 Jahren nicht. Deshalb steigt der Ausstoß. Das ist Energiewende paradox.

ZEIT: Bedroht das den gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die Energiewende richtig und wichtig ist?

Faulstich: Dieser Konsens ist tatsächlich bedroht, weil die Ursachen für die paradoxen Entwicklungen nicht sofort einsichtig sind. Es reicht eben nicht, sich nur um den Ausbau der Erzeugung erneuerbaren Stroms zu kümmern, die Politik muss mit gleichem Einsatz auch dafür sorgen, dass wir weniger Kohle für die Stromerzeugung verwenden. Wer das versäumt, vollzieht nur die halbe Energiewende.

ZEIT: Bis 2020 will die Bundesregierung den CO₂-Ausstoß gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent vermindern. Kann sie dieses Ziel noch erreichen ohne Kohleausstieg?

Faulstich: Da lauert eine echte Gefahr. Wenn das 40-Prozent-Ziel erreicht werden soll, muss die Regierung sich endlich auch beherzt um Klimaschutz beim Verkehr, bei den Gebäuden und bei der Industrie kümmern, sie muss bei der Stromerzeugung weg von der alleinigen Fixierung auf die erneuerbaren Energien. Wenn sie nicht bald anfängt, den Kohleausstieg zu organisieren, dann wird aus dem Klimaschutz nichts, dann wackelt die Energiewende.