Das intellektuelle Puzzlespiel, das das Hamburger Auktionshaus Hauswedell & Nolte in seiner Auktion am 20. Mai anbietet, hat fast 2000 Teile. Anegboten in 119 einzelnen Losen, enthält es unzählige Fotos und Notizen, Bücher und Manuskripte, Fragmente und Autografe. "Es wird für jeden Forscher ein Vergnügen sein, die Teile zusammenzusetzen", sagt Manfred Kaun. "Aber einfach ist es nicht." In den vergangenen Wochen hat er in Hamburg gesichtet, was bei seinem Arbeitgeber aus europäischem Privatbesitz eingeliefert wurde: der Teilnachlass eines der bedeutendsten europäischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Harry Graf Kessler war Museumsleiter, Kunstmäzen und Sammler, Dichter und Autor von Sachbüchern, Herausgeber und Diplomat, Freund und Förderer unzähliger zeitgenössischer Dichter und Maler – und ein Weltbürger europäischer Kultur und Prägung. 1868 in Paris als Sohn eines deutschen Bankiers und einer irischen Baroness geboren, blieb er bis zu seinem Tod im November 1937 Deutschland, Frankreich und dem angelsächsischen Raum gleichermaßen verbunden. Auf ein Jurastudium folgte ein zweites der Kunstgeschichte, 1893 die Mitarbeit an der legendären Kunstzeitschrift PAN und 1903 dann die Leitung des Museums für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar.

Der "rote Graf" war vertrauter Freund berühmtester Künstler der Moderne

Harry Graf Kessler zählte aber nicht nur zu den großen Kulturreformern und Förderern der Moderne. Der Erste Weltkrieg ließ ihn auch zum Diplomaten und Politiker werden, der 1919 einen Plan zu einem Völkerbunde auf Grund einer Organisation der Organisationen (Weltorganisation) verfasste. 1920 folgten die Richtlinien für einen wahren Völkerbund. Die Bücher erschienen im eigenen Verlag, der Cranach-Presse, und werden bei Hauswedell & Nolte für gerade einmal 200 Euro angeboten. In der Weimarer Republik engagierte sich der "rote Graf" in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und widmete sich publizistisch sozial- und außenpolitischen Themen. Hitlers Machtübernahme trieb Kessler 1933 ins Exil. Die Tagebücher, die bis zu seinem Tode 57 Jahre lang geführt hatte, veröffentlichte das Deutsche Literaturarchiv in neun Bänden.

Viele Künstler und Dichter, die Kessler in jenen Jahren kennenlernte und mit denen er Kunst, Theater und Literatur in der Klassikerstadt reformieren und modernisieren wollte, finden sich nun im angebotenen Nachlasskonvolut wieder. Rainer Maria Rilke etwa, den Kessler wie Gerhart Hauptmann zu Vorträgen einlud, ist mit Erstausgaben und Widmungsexemplaren vertreten – darunter mit den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von 1910, die der Dichter der Marquise de Brion als "hommage attardé mais invariable de l’auteur" zugeeignet hatte. Von Henry van de Velde werden zwei handschriftliche Briefe und ebenfalls mehrere, teilweise signierte Erstausgaben angeboten. Der belgische Architekt und Kunsthandwerker hatte Kesslers Wohnungen in Berlin und Weimar eingerichtet und sollte für ihn in der Goethestadt ein Mustertheater entwerfen. Konservativ-nationalistische Kreise verhinderten das Projekt aber.

Mit dem französischen Bildhauer und Grafiker Aristide Maillol verband Kessler eine besonders enge Freundschaft. Sein Biograf Peter Grupp nennt den Sommer 1907 einen der intensivsten Momente in Kesslers Leben: "als er bei Maillol Phase für Phase die Entwicklung der Skulptur Le Cycliste, für die er Gaston Colin als Modell gewonnen hatte, miterleben konnte. Die Erschaffung eines Kunstwerks, der Sportlerkörper als Sujet, das Modell des Gefährten – diese Verbindung war für Kessler ein faszinierender Dreiklang." Im nun angebotenen Teilnachlass findet sich nicht nur ein Foto von Maillol mit der Plastik, deren Sockel die Inschrift "Pour le comte de Kessler 1907/1908" trägt. In einem Halblederalbum mit rund hundert Fotografien sind auch Aufnahmen von der Griechenlandreise zu finden, die Kessler im Sommer 1908 mit Maillol und seinem Dichterkollegen Hugo von Hofmannsthal unternahm. Stets perfekt gekleidet, mit Anzug, Weste und Ballonmütze, posiert der 40-jährige Kulturreformer mal vor antiken Ruinen, mal an Bord eines Segelschiffes für die Kamera.

1750 eigenhändige Notizen gehören zur angebotenen Sammlung

Dass sich ein Teil des weit verstreuten Nachlasses von Harry Graf Kessler in Frankreich befand, war spätestens 1988 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Damals veranstaltete das Deutsche Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum in Marbach die Ausstellung Harry Graf Kessler – Tagebuch eines Weltmannes. Zu den Leihgebern zählte damals Jacques de Michel Duroc Marquis de Brion. Seine Mutter Wilma, die Schwester von Harry Graf Kessler, war auch nach dessen Emigration immer wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Bei diesen Reisen gelang es ihr offenbar immer wieder, Unterlagen ihres Bruders nach Frankreich zu bringen und später an ihren Sohn zu vererben. Dieser wiederum gab die Dokumente im Freundeskreis weiter.

Was nun bei Hauswedell & Nolte angeboten wird, stammt deshalb nicht mehr unmittelbar aus der Familie, nach wie vor aber aus einer Hand. Dazu gehört auch die wächserne Totenmaske, die 1937 in Lyon abgenommen wurde und nun 2000 Euro kosten soll. Ebenfalls angeboten wird ein 1957 entstandenes Typoskript mit dem Titel Zwischen zwei Porträts – Erinnerungen an Harry Graf Kessler, das dessen Privatsekretär und Lebensgefährte Max Goertz 1957 in Savigny-sur-Orge verfasste und in dem er schreibt: "Die Totenmaske, die ich formen ließ, trägt noch die Spuren seiner Leiden, doch auch die Kraft des Ausdrucks und die Reinheit seiner Züge." Kessler hatte den damals 17-jährigen Autor 1899 beim Militär kennengelernt und später zum Direktor der Cranach-Presse gemacht.