Akif Pirinçci, der Autor der Felidae-Krimis, hat sich mit einem seltsamen Text in die Liste der Sachbuchbestseller geschrieben. Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer erreichte bereits zwei Wochen nach Erscheinen den dritten Platz (Taschenbuch), war zwischenzeitlich vergriffen, liegt in vierter Auflage vor und weist mittlerweile Verkaufszahlen im sechsstelligen Bereich auf. Das Buch handelt vom "deutschen Mann": Ausgenutzt, ausgebeutet, verweichlicht und mit dem Tode bedroht, müsse er sich wehren. "Vergiß die Lügen hirnerweichter Medienaffen, irrer Lesben, studierter Memmen, geifernder Staatsschranzen und Perverser, die dir nur den im Schweiße deines Angesichts verdienten Lohn rauben wollen ... und feg deine Feinde hinfort!"

Nationale Identität der Deutschen, Gewalttaten islamischer Zuwanderer, Auflösung naturgegebener Geschlechterrollen, ein überbordender bürokratischer Sozialstaat – Pirinçcis Stichworte klingen vertraut. Neu sind sein brachialer Stil, die vulgäre Sprache, die gezielt beleidigende Wortwahl. Und neu ist, dass hier einer die Sache des deutschen "Landsmanns" vertritt, der seiner Abstammung nach nicht ins Konzept des ethnischen Nationalismus passt. Ansonsten handelt es sich um die üblichen Kampagnenthemen jenes Spektrums am äußersten rechten Rand, das in der Politikwissenschaft als "neue Rechte" bezeichnet wird. Dementsprechend erscheint das Buch in einer Buchreihe, die diesem Spektrum zuzurechnen ist: der Edition Sonderwege des Verlags Manuscriptum.

Die so genannte neue Rechte, verstanden als Netzwerk aus Personen, Thinktanks, Verlagen und Medien, hat in den 1990er Jahren einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Mit schwindendem Erfolg und Einfluss ist es stiller um sie geworden. Dabei hat sie sich in Stil und Strategie markant gewandelt.

Das seit einiger Zeit auch in Deutschland artikulierte Unbehagen gegenüber Muslimen gab der neuen Rechten die Gelegenheit, ihre eigenen ethnisch-nationalistischen Vorstellungen zu verbreiten. In der virtuellen Welt der Gegner des Islams sind neurechte Internetseiten stets mit einem Klick erreichbar.

Im März 2013 veröffentlichte Pirinçci auf dem Weblog Achse des Guten den Beitrag Das Schlachten hat begonnen, in dem er von einem "schleichenden Genozid ... von jungen Männern muslimischen Glaubens an deutschen Männern" sprach. Dieser Blogbeitrag soll, einer Stellungnahme der Edition Sonderwege zufolge, "Millionen von Lesern" gefunden haben. Agnieszka Satola und Joachim Spanger analysieren den Text, der auch in Pirinçcis Buch enthalten ist, im Rahmen eines kürzlich beim Berliner Metropolverlag erschienenen Sammelbandes unter dem Gesichtspunkt der "Sprache des antimuslimischen Rassismus im Netz". Wie die beiden Sozialwissenschaftler mitteilen, distanzierten sich mehrere Autoren des Blogs Achse des Guten – der nicht der neuen Rechten zugeordnet werden darf – von Pirinçcis Beitrag.

Daran zeigen sich innere Differenzen zwischen verschiedenen Gegnern des Islams, die in der Forschung nicht ausreichend beachtet werden. Namentlich im Internet kursieren zahlreiche Stereotype gegen Muslime, die nicht alle miteinander kompatibel sind. Neben einer emanzipatorisch-aufklärerischen Position, die sich vorrangig als Religionskritik versteht, lassen sich idealtypisch mehrere Formen der Islamfeindschaft unterscheiden. So ist die Polemik der Achse des Guten in der Regel liberal, individualistisch, westlich und marktwirtschaftlich orientiert. Andere Gegner des Islams gehen dagegen von einer auf christliche Identitäten bezogenen, europäisch-abendländischen Orientierung aus oder – so im Fall der neuen Rechten – von einer auf das deutsche Volk bezogenen, ethnisch-nationalistischen Agenda.

Taktische Bündnisse im Kampagnenfeld der Islamfeindschaft sind zwar möglich – strategische Allianzen erweisen sich dagegen als brüchig. Den Verfechtern eines ethnischen Radikalnationalismus geht es ohnedies um mehr: um die nationale Identität der Deutschen. Den fundamentalen Widerspruch zu einer bloß "liberalen" Islamkritik markierte ein Vordenker der neuen Rechten, der Gymnasiallehrer Karlheinz Weißmann, im Herbst 2012 während einer Diskussionsveranstaltung gegenüber Michael Stürzenberger, einem Blogger (Politically Incorrect) und Aktivisten der antiislamischen Einpunktpartei Die Freiheit. Der Gruppe um Weißmann kam es darauf an, ihre eigene Ablehnung des Islams schärfer zu konturieren. Denn hierin besteht eines der aktuellen Hauptanliegen der neuen Rechten: Abgrenzung, Feindmarkierung, Sezession.