Kann man ein ganzes Orchester neu erfinden? "Die Entwicklung der Instrumente glich ein wenig der Neuerfindung des Rades", sagt der Mitbegründer des Fundsachen-Orchesters Steve McNicholas. Er führt durch eine Hinterhof-Einfahrt neben dem Casino de Paris, einem alten Pariser Theater- und Konzerthaus. In Hof und Einfahrt stapeln sich scheinbar sinnlos angehäufte Gerätschaften: Baugerüste, Regentonnen, Abflussrohre, Teekisten, Plastikflaschen, Glasbehälter, Holzbettrahmen. Ein Haufen Sperrmüll? "Aber nein", sagt McNicholas, "das sind unsere Instrumente. Wir haben viel Arbeit in sie investiert. Unsere Flaschenblasebälge sind einzigartig auf der Welt."

Einzigartig ist das gesamte Fundsachen-Orchester, das sich The Lost & Found Orchestra nennt – denn es besteht aus einem großen Haufen Müll, auf dem getrommelt, gestrichen und geblasen wird. Was da später am Abend auf der Bühne des Casino de Paris steht (und in der Kölner Philharmonie im August deutsche Premiere hat), ist eine Wand aus alten Plastik-, Holz- und Metallgegenständen, zusammengeschraubt wie ein Baugerüst. Damit kann man nur Krach und Lärm erzeugen. Denkt man. Doch dann passiert das Wunder: Kaum geht das Konzert los, streichen die Musiker auf Baumarktsägen wie auf Violinen. Sie blasen auf Gartenschläuchen mit roten Plastiktrichtern wie auf Trompeten und auf Abflussrohren wie auf Hörnern und Saxofonen. Auf die Bettrahmen wurden Saiten gespannt, sie dienen nun als Bassinstrumente. Bierflaschen werden zu Flöten, Maurerkellen zu Triangeln. Dazu kommen manch ungewohnte Töne: Fahrradhupen tröten, Zentimeter-Messbänder rascheln, Staubsauger zischen. Und es bedarf letztlich gar nicht des Kirchenchors zur Begleitung, um vom ersten Takt an zu begreifen: Da spielt tatsächlich ein Orchester auf der Bühne. Ein Dirigent, 40 Musiker. Nur kennen sie keine Noten. Jeder Klang, jeder Ton, den sie dem Müll entlocken, hat etwas Unvorhersehbares, Überraschendes. Laut und aufdringlich klingt das, aber nie schräg. "Die Synchronität muss man erst einmal hinkriegen", sagt Dirigent Luke Cresswell, der dafür Jahre gebraucht hat. Doch jetzt stimmt’s: Die Sägen sorgen für die Melodie, die Regentonnen für den Rhythmus. Gleichzeitig gibt der Müllberg tausend weitere Töne von sich. Als hätten sich die besten Musiker der Welt auf einem Schrottplatz versammelt und griffen ungezügelt zu den Dingen, die ihnen in die Hand kommen.

"Wir versuchen nicht, Beethoven zu spielen", sagt Cresswell, der gemeinsam mit seinem Partner McNicholas einst den Welterfolg Stomp auf die Bühne brachte. Stomp, das auch in diesem Sommer wieder in Hamburg, Dresden und Stuttgart gastiert, ist vor allem Tanztheater und Rhythmus-Spektakel, berühmt für seine Besen und Mülleimer. Das Fundsachen-Orchester will nun die konsequente Weiterentwicklung von Stomp auf einem höheren musikalischen Niveau sein. "Wenn ich von einer Sinfonie rede ...", sagt Cresswell, bringt aber den Satz nicht zu Ende. Stattdessen lacht die Runde seiner Musiker um ihn. Wie Cresswell und McNicholas waren mache von ihnen zuvor Straßenmusiker oder kamen als blutige Anfänger zum Fundsachen-Orchester. "Wir wissen noch, dass wir unser Essen früher mit Münzen bezahlt haben", beteuert Cresswell, obwohl er mit Stomp längst Millionen verdient hat. Er weiß aber auch, dass seine Leute weiterhin der unbedingten Willens- und Improvisationskraft von Straßenmusikern bedürfen, um an ihren Müll-Instrumenten nicht zu verzweifeln.

Vorbilder für ihr Orchester wollen Cresswell und McNicholas nicht nennen. Man habe sich vorher Pink Floyd und Frank Zappa angehört, raunt McNicholas. Die meiste Zeit für den Aufbau des Orchesters aber verbrachten die beiden in einer großen Lagerhalle außerhalb Londons. Dort bastelte man lange an den Instrumenten. Vor allem die Streicher, erzählt Cressweel, brauchten Ewigkeiten, um ihre Sägen zu stimmen. Fast hätte man das ganze Projekt deshalb abgebrochen. Denn was wäre ein Fundsachen-Orchester schon ohne Geigenersatz?

Auf der Bühne verstecken die Musiker ihre Herkunft nicht. Einmal sitzt Dirigent Cresswell im kleinen Kreis seiner Truppe und trommelt auf den Teekisten. Dann ist er ganz der alte Straßenmusiker. Wenig später wiederum steht er vor der Mannschaft, dazu der Chor, der jedes Mal vor Ort ausgewählt und in das Orchester integriert wird. Spätestens jetzt hat der Müllberg etwas Monumentales. Dazu Cresswell: "Ich versuche so zu tun, als würde ich mich als Dirigent ernst nehmen."

Das Lost & Found Orchestra gastiert vom 13. bis zum 17. 8. in der Kölner Philharmonie. "Stomp" ist zu sehen in Dresden (15. bis 20. 7.), in Stuttgart (22. bis 27. 7.) und in Hamburg (2. bis 21. 9.)