In hohem Alter stirbt der Gründer von Macondo schließlich doch. So lange gibt es ihn schon, dass den Dorfbewohnern eine Welt ohne ihn nicht mehr vorstellbar scheint; doch dann, unversehens, geschieht es: "War [José Arcadio] allein, tröstete er sich mit dem Traum von den endlosen Zimmern. Ihm träumte, er stehe aus dem Bett auf, öffne die Tür und trete in ein anderes gleiches Zimmer mit gleichem Bett und gusseisernem Kopfende, mit gleichem Rohrstuhl und gleichem Bildchen von der Jungfrau von den Heilmitteln an der hinteren Wand. Dieses Zimmer führte in ein anderes genau gleiches, dessen Tür in ein genau gleiches führte und anschließend in ein weiteres genau gleiches, bis ins Unendliche. […] Eines Nachts indes, zwei Wochen nachdem man ihn in sein eigenes Bett verfrachtet hatte, berührte Prudencio Aguilar [der Mann, den José Arcadio einst getötet hat] ihn an der Schulter in einem Verbindungszimmer, und dort blieb er für immer im Glauben, es sei das wirkliche Zimmer."

Dass José Arcadio Buendía gestorben ist, teilt uns nur das Wort "für immer" mit: Hundert Jahre Einsamkeit ist ein ausufernder Roman, aber in der Mitte seiner Opulenz liegt eine oft unerhörte Kargheit verborgen. "Während der Schreiner ihm für den Sarg Maß nahm, sahen sie, dass vor dem Fenster ein Rieselregen aus winziggelben Blüten fiel. Er fiel die ganze Nacht auf das Dorf in einem stillschweigenden Unwetter und bedeckte Dächer, versperrte Türen und erstickte die Tiere, die im Freien schliefen. So viele Blüten fielen vom Himmel, dass die Gassen am Morgen mit einer so dichten Schicht bedeckt waren, dass man sie mit Rechen und Schaufeln wegräumen musste."

Ein Blütenregen nach dem Tod des schon zu Lebzeiten zum Mythos gewordenen Dorfgründers – so etwas könnte kitschig sein, und man muss sich schon genau an die Stelle erinnern oder eben nachlesen, um sich zu vergegenwärtigen, warum dem nicht so ist. García Márquez war eben kein ungebremst wilder Fabulierer, sondern ein Meister der scharf erdachten Einzelheiten, dessen Manie fürs komisch Konkrete den sogenannten magischen Realismus erst vital und unwiderstehlich machte. Jeder kann sich einfallen lassen, dass einer stirbt und dass es dann Blüten regnet, aber erst die Einzelheiten – dass sie es in einem "Rieselregen" tun und "winziggelb" sind, dass darunter Tiere ersticken (denn es sind keine symbolischen Blüten, sondern echte, die Gewicht haben) und dass man sie hernach nicht nur mit Schaufeln, sondern auch mit Rechen wegräumen muss, lassen die Szene einzigartig werden, auch wenn sich zuletzt dem Gedächtnis nur der Blütenregen einprägt.

Wo immer man dieses Jahrhundertbuch aufschlägt, verschenkt García Márquez solche Details mit einer Freigebigkeit ohnegleichen, als wäre derlei keine Mühe, als steckte dahinter nicht schwerste Arbeit. Der fromme Pater Nicanor fliegt eben nicht einfach irgendwie vor den Gläubigen in die Luft, sondern er levitiert genau zwölf Zentimeter, und auch das erst, nachdem er eine Tasse dampfender Schokolade in einem Zug ausgetrunken und sich mit dem dafür bereits in seinem Ärmel steckenden Taschentuch säuberlich die Lippen abgewischt hat. Oder wenn Oberst Aureliano Buendía, der entschlossene Freiheitskämpfer, der zweiunddreißig Feldzüge gegen die Regierung geführt und alle verloren hat, mit einer Prostituierten schläft, so hat diese nicht etwa bloß in der gleichen Nacht viele andere Männer gehabt, sondern deren dreiundsechzig. García Márquez’ Wirklichkeit ist nicht diffus fantastisch, sondern stets genau beschrieben, beziffert, gemessen und gezählt. Nie ist etwas verschwommen, und sogar die Geister altern wie die Lebenden, verirren sich und geben blödsinnige Prognosen ab, sodass im Kosmos Macondos nicht unsere Welt von einer anderen aufgehoben, sondern vielmehr das Totenreich zu einer Provinz des einen und allumfassenden Diesseits wird.

Ein Diesseits, das Gabo, wie man ihn in der spanischsprachigen Welt liebevoll nannte, nun verlassen hat. Mit seinem Tod endet mehr als eine Epoche: Gerade war noch eine der großen Figuren der Literaturgeschichte anwesend: Balzac, Dickens, Zola, Tolstoi, James, García Márquez – eine Aufzählung, die nicht absurd klingt. Er war nicht einfach bloß besser als die Zeitgenossen, er gehörte in andere Zusammenhänge, er schien sich von Anfang an auf einer weiteren Umlaufbahn zu bewegen, und seltsamerweise haben das gerade seine Kollegen früh erkannt und neidlos akzeptiert. Hundert Jahre Einsamkeit wäre nicht so schnell berühmt geworden, hätten nicht die zwei einflussreichsten jungen Autoren Südamerikas, Carlos Fuentes und Mario Vargas Llosa, sofort den Rang des Romans erkannt und sich mit aller Kraft bemüht, ihn bekannt zu machen. Journalisten wiederholen gern den Gemeinplatz, dass Schriftsteller neidisch, kleinlich und egoman seien, aber die Wahrheit ist, dass kaum einer so selbstlos sein kann wie ein großer Künstler, der einen noch größeren vor allen anderen erkennt. Der Familienroman der Buendía-Sippe, ein Sprachkunstwerk ohnegleichen, pendelnd zwischen Poesie und Derbheit, zwischen Eleganz und grobem Slang, gab einem ganzen Kontinent sein Selbstbild und seine Stimme, und García Márquez, der dieses Buch vielleicht zu Recht gar nicht für sein bestes hielt, sollte noch erleben, dass Hundert Jahre Einsamkeit zum 40. Jubiläum des Erscheinens in einer Sonderedition gleichrangig neben Cervantes’ Don Quixote gestellt wurde.