DIE ZEIT: Herr Maaz, woher kommt eigentlich die Neigung der Öffentlichkeit, Prominente erst hochzujubeln und sie dann niederzumachen?

Hans-Joachim Maaz: Das hat mit unserem eigenen narzisstischen Mangel zu tun. Wenn man sich selbst nicht so gut findet, sucht man sich Idole, im Showbusiness, im Sport, in der Politik, um die eigene Schwäche ausgleichen zu können. Weil das aber eine Illusion ist, kommt es genauso rasch zur Entwertung, wenn das Idol nicht mehr funktioniert, wenn es eine Schwäche zeigt oder einen Fehler macht. Dann wird diese Person weggeworfen wie Abfall. Unser Drang, mit dem Zeigefinger auf Menschen wie zum Beispiel Uli Hoeneß oder Christian Wulff zu zeigen, hat etwas Projektives. Es lenkt von uns selbst ab.

ZEIT: Gibt es etwas, das Hoeneß und Wulff verbindet?

Maaz: Einerseits die Hetzjagd, die gegen sie betrieben wurde. Beiden wurde etwas vorgeworfen, was nicht in Ordnung schien. Aber die Berichterstattung darüber hat dann teilweise das Maß verloren, zumal Wulff am Ende sogar freigesprochen wurde. Andererseits leiden er und Hoeneß sicherlich auch selbst an einer narzisstischen Problematik. Wulff brauchte das Amt des Bundespräsidenten offensichtlich, um sich aufzuwerten. Und Hoeneß hat seine Wettgeschäfte derart zügellos betrieben, dass man auch bei ihm von einer Störung ausgehen muss.

ZEIT: Woran erkennt man einen Narzissten?

Maaz: Ein Mensch mit einer narzisstischen Störung muss immer großartig sein, sich besonders darstellen, um seine eigentliche innere Unsicherheit und seinen Selbstwertmangel zu verbergen. Aber das ist nicht die einzige Form des gestörten Narzissmus. Es gibt auch den ewig nörgelnden, zweifelnden Typ. Der hat als Kind gelernt, dass sich die Eltern nur kümmern, wenn er krank, hilfsbedürftig, tollpatschig ist. So wird ein Verhalten der Schwäche konditioniert. Ich komme aus Ostdeutschland – dort haben wir diese Jammerkultur sehr gepflegt.

ZEIT: Inwieweit beeinflusst die narzisstische Störung die Politik?

Maaz: Wenn ich als Mensch mit einem narzisstischen Mangel behaftet bin, dann muss ich Möglichkeiten der Kompensation suchen. Und in einer Leistungsgesellschaft ist das eben die besondere Leistung. Dazu gehören auch Einfluss und Macht. Eine Führungsfunktion ist da natürlich großes Futter für den narzisstischen Mangel. Wenn ich Macht ausübe, kann ich das Gefühl haben: Ich bin doch toll! Was ich jetzt bewirken kann! Das kann man auch sehr gut rationalisieren: Wenn man Politik macht, tut man ja etwas fürs Volk, man macht etwas für die Menschen, wie unsere Kanzlerin immer sagt. Das stimmt ja, aber in der Phrase verbirgt sich auch das Geltungsbedürfnis. Und in erster Linie dient so ein politisches Amt der eigenen seelischen Stabilisierung.

ZEIT: Unsere Politiker sind allesamt gestörte Narzissten?

Maaz: Die meisten Politiker treten in einer Art und Weise auf, die ganz klar narzisstisch geprägt ist. Im persönlichen Gespräch sind viele durchaus sorgenvoller, nachdenklicher, selbstkritischer, geben aber auch zu erkennen, dass sie solche Aussagen nicht veröffentlichen dürfen, weil sie dann sozusagen die Parteiinteressen verraten oder als nicht mehr wählbar gelten. Das sagt natürlich auch etwas über die Unmündigkeit der Wähler, die nur jemanden wählen können, der souverän und stark und selbstbewusst wirkt, so als könnte er ihr Leid tatsächlich lindern. Da werden elterliche Defizite als Hoffnung auf die Politiker projiziert.

ZEIT: Gleichzeitig beklagen sich sehr viele Politiker darüber, dass Politik in der Berichterstattung auf Intrigen und Machtkämpfe reduziert werde.

Maaz: Das ist sicher eine Schutzbehauptung. Tatsächlich nutzt die Skandalisierung den Politikern ja auch, weil sie von fehlenden politischen Inhalten ablenkt.

ZEIT: Wie passt die Bundeskanzlerin in Ihr Schema?

Maaz: Für meine Begriffe haben wir es da mit einer Mutterübertragung zu tun. Wir Männer haben ja fast alle eine unerfüllte Muttersehnsucht. Aber dass Angela Merkel an die Macht gekommen ist, liegt aus meiner Sicht daran, dass sie gerade so wenig mütterlich ist.