Vor einer Woche hat die ZEIT aufgedeckt, dass Landwirt L. aus Niedersachsen betrügt. Er hat regelmäßig und im großen Stil Hähnchen aus konventionellen Mastbetrieben als artgerecht gehaltene Neuland-Hähnchen geschlachtet und verkauft. Nun hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg ein Ermittlungsverfahren gegen L. eingeleitet. Sie prüft, ob der Landwirt gegen die Kennzeichnungspflicht verstoßen hat. Es geht um den "Verdacht des gewerbsmäßigen Betruges", sagt eine Sprecherin.

Danach hat auch Neuland e. V. Strafanzeige gegen L. gestellt. "Rechtlich werden wir alle Möglichkeiten nutzen, um gegen den Betrug vorzugehen", heißt es bei Neuland.

Hinter dem Verein stehen drei renommierte Trägerverbände, die empört reagieren. "Ich bin mehr als verärgert, ich bin verbittert", sagt etwa Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, des Dachverbands der Tierheime und Tierschutzvereine in Deutschland. Ihm geht die Strafanzeige von Neuland nicht weit genug. Auch für den Imageverlust müsse Neuland entschädigt werden. Insbesondere in Berlin, wo die Marke besonders verbreitet ist, hätten Neuland-Metzger in den vergangenen Tagen gewiss sehr unter dem Vertrauensbruch gelitten. "Dafür muss auch jemand bluten, und zwar der Schuldige", sagt Schröder.

Neuland legt besonderen Wert auf artgerechte Tierhaltung. Die Hähnchen sollen regionales Futter bekommen, in kleinen Betrieben heranwachsen und immer im Freien herumspazieren dürfen, auch im Winter. Von den Trägerverbänden wurde Neuland 1988 für Landwirte gegründet, die von der Massentierhaltung wegwollten. Neuland stand seither für Tierschutz, zunächst als Zwischenstufe auf dem Weg zur ökologischen Landwirtschaft. Mittlerweile sagt Neuland von sich, dass es mehr für das Tierwohl tue, als diverse Ökosiegel verlangten. Deshalb trifft der Skandal den Verein auch so hart.

"Wir sind froh, dass hier jemandem das Handwerk gelegt wurde, der mit viel krimineller Energie Neuland-Kunden betrogen hat", sagt Reinhild Benning, die beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) den Bereich Agrarpolitik leitet. Auf die Frage, wie ein solcher Betrug in Zukunft verhindert werden könne, sagt sie: "Der Warenfluss muss besser kontrolliert werden." Aus ihrer Sicht hätte die Vertriebsleitung in Norddeutschland längst schärfere Kontrollen einfordern und organisieren müssen. Dafür muss man wissen, dass der Verein Neuland e. V. die Richtlinien festlegt und drei eigenständige Neuland-Vertriebsgesellschaften das Fleisch ein- und verkaufen. Die technischen Details müsse nun mal der Vertrieb bestimmen, sagt Benning: "Die Verantwortung liegt bei den Praktikern." In diesem Fall gilt das den Mitarbeitern des Neuland-Vertriebs in Bad Bevensen.

Beim BUND hat man sich offenbar nicht groß darum gekümmert, was in den Neuland-Betrieben los ist. Man habe als Trägerverband jährlich einen Bericht bekommen. In diesem Büchlein sei alles dokumentiert. "Das ist eine transparente, gute Informationspolitik gewesen, an der wir bislang nichts zu beanstanden hatten", sagt Benning.

Ob es für den BUND überhaupt möglich ist, die Prüfunterlagen einzelner Betriebe einzusehen, müsse sie erst klären. Etwas später teilt Benning mit: Es sei im Prinzip möglich.

Über die Ostertage wurden der ZEIT von verschiedenen Seiten interne Dokumente zugespielt, die darauf hindeuten, wie wenig man bei Neuland darüber wusste, was wirklich los ist – und wie fieberhaft die Beteiligten die Verantwortungen hin- und herschieben.