Wieder einmal ist die Odenwaldschule im hessischen Heppenheim in die Schlagzeilen geraten: Ein Lehrer der Schule steht im Verdacht, pornografische Bilder von Kindern besessen zu haben. Die Polizei hat am 9. April seine Wohnung durchsucht und mögliche Beweisstücke sichergestellt. Die Leitung der Schule hat ihm inzwischen fristlos gekündigt und Hausverbot erteilt.

Um es deutlich zu sagen: Der Vorfall hätte auch an jeder anderen Schule und an jedem anderen Internat geschehen können. Keine noch so ausgefeilte Personalauswahl und keine wachsame Schulleitung können eine Schule sicher gegen Pädokriminelle abschotten.

Aber die Odenwaldschule ist keine Schule wie jede andere. Deshalb ist dies auch kein Fall wie jeder andere. Der einstige Leuchtturm der ach so kinderfreundlichen Reformpädagogik ist für viele längst ein Ort des Grauens. In den siebziger und achtziger Jahren wurden in der Schule mit angeschlossenem Internat mindestens 130 Schüler – Sprecher der Opfer gehen von mehr als 500 aus – von Lehrern lange Zeit sexuell missbraucht. Erst 2010 wurde das ganze Ausmaß der Verbrechen einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

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Seitdem versuchen wechselnde Schulleitungen die dunkle Geschichte aufzuarbeiten, mit den Opfern ins Gespräch zu kommen und die Schule am Leben zu erhalten. Dabei haben sie Fehler gemacht. Der schwerste: Sie haben das für die Odenwaldschule typische sogenannte Familienprinzip nur verändert, aber nicht abgeschafft. Nach diesem Prinzip sind die Lehrer gleichzeitig "Familienhaupt" und wohnen mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen auf dem Schulgelände. Diese Nähe hat Übergriffe von Lehrern auf Schüler begünstigt. Ausgerechnet der jetzt verdächtigte Lehrer betreute, gemeinsam mit einer anderen Pädagogin, als Familienhaupt eine Schüler-Wohngruppe. Das macht den Vorfall besonders unangenehm, auch wenn es nicht zu sexuellen Übergriffen gekommen sein mag.

Doch selbst wenn die neue Schulleitung in diesem Fall alles richtig gemacht hätte, wird die Odenwaldschule ihrer Vergangenheit niemals entkommen. Denn bei jedem Vorfall reißt die alte Wunde wieder auf. Die Nachricht, dass ein Lehrer unter Kinderpornografie-Verdacht steht, hätte jede Schule in Unruhe versetzt. Bei der Odenwaldschule löst sie ein Beben aus.

Schüler haben ein Recht auf Lernen ohne Skandale, eine Schule kann nur in einem Klima der Normalität gedeihen. An der Odenwaldschule aber wird diese Normalität nie wieder einziehen. Deshalb sollte man sie schließen.

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