Es gilt als das vielleicht berühmteste Zitat des Satirikers Karl Kraus: "Was die Deutschen und die Österreicher trennt, ist ihre gemeinsame Sprache." Es fällt unweigerlich, wenn Österreich seine sprachliche Eigenständigkeit betont. Das Kuriose ist: Der Ausspruch stammt gar nicht von Kraus, er passt nicht einmal zu ihm.

Zeit seines Lebens geriet der Herausgeber der Fackel in Rage, wenn jemand seinen verehrten Nestroy "Dialektschriftsteller" nannte. Tatsächlich sei der ein "deutscher Satiriker" gewesen; Nestroy auf das Wienerische zu reduzieren hieße, ihm eine "Anzengrube zu graben". Die Sprache war für Kraus, dem jeder Deutschnationalismus zuwider war, keine politische Kategorie. In der Sphäre des Wortes duldete er indes keine Grenzen. Denn in der Sprache glaubte Kraus die Heimat gefunden zu haben, die ihm, einem Juden böhmischer Herkunft, so oft verwehrt wurde. Dass ausgerechnet er als Kronzeuge für das Trennende innerhalb der deutschen Sprache herhalten muss, ist eine zutiefst österreichische Pointe.

Die Wahrheit ist doch: Nichts verbindet Österreicher und Deutsche so sehr wie ihre geteilte Sprache. Gemeinsam ist ihnen allem voran die Schriftsprache, deren Wortschatz sie sich zu 97 Prozent teilen. Aber just von jenem schmalen trennenden Segment und von einer Handvoll grammatikalischer Abweichungen versuchen österreichische Patrioten derzeit verzweifelt die sprachliche Eigenständigkeit ihres Landes abzuleiten. Die Medien und ihre Leserforen sind voll der Klage, das österreichische Deutsch werde durch Bundesdeutsch verdrängt. In der Tat: Es wird jetzt in den Zeitungen viel öfter "geguckt" und "abgesahnt" als früher. Vor allem junge Schreiber verlieren ihre Berührungsängste, den Sprachchauvinisten aus der Generation Córdoba schwimmen die Felle davon.

Soeben brachte der Sender Ö1 ein vierteiliges Radiokolleg mit dem Titel Österreichisches Deutsch unter Druck. Da beklagte etwa Rudolf de Cillia, Linguist an der Universität Wien, dass die Dolmetscher in der EU Probleme mit österreichischen Politikern hätten, weil diese österreichisches Deutsch reden. So sei beispielsweise ein Dolmetscher an einer Formulierung des damaligen Kommissars Franz Fischler gescheitert: "Die Krot’ müss’ ma fressen." Österreichisches Deutsch unter Druck? Müssten die Dolmetscher der EU sämtliche mundartlich-umgangssprachlichen Redensarten des Deutschen beherrschen, ihre Ausbildung würde ein halbes Menschenleben dauern.

Die genaue Herkunft des vermeintlichen Kraus-Bonmots ist ungeklärt. Sicher ist, dass es erst nach 1945 auftauchte, wahrscheinlich in der Wiener Kabarettszene – zu einer Zeit, als man in Österreichs Schulen vorübergehend nicht mehr Deutsch lehrte, sondern die "Unterrichtssprache" auf dem Lehrplan stand. Mit der strikten Abgrenzung von allem Deutschen glaubte man auch die Verstrickung in die Verbrechen der sieben gemeinsamen großdeutschen Jahre ungeschehen zu machen. Der Kampf um die österreichische Identität war eng verbunden mit der Verdrängung von Schuld. Doch die Sprache lässt sich auf Dauer ebenso wenig straflos betrügen wie das Gewissen.

Getrennt mögen Deutsche und Österreicher durch ihre Dialekte sein, aber diese Grenze verläuft nicht zwischen zwei Staaten, sondern zwischen Dutzenden von Regionen, hüben wie drüben. Ein Friese ist sprachlich viel weiter von einem Schwaben entfernt als ein Tiroler von einem Bayern. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Österreichern und den Norddeutschen: Die Österreicher haben ein ähnlich enges Verhältnis zur Mundart wie ihre bayerischen Wortverwandten jenseits der Grenze, im süddeutsch-bairischen Sprachraum ist die Bindung der Menschen an ihren Dialekt weit stärker ausgeprägt als in Norddeutschland.

Was aber all diese Regionen, in Deutschland ebenso wie in Österreich, seit Jahrhunderten gemeinsam haben, ist die Schriftsprache. Deren regionale Besonderheiten wie Paradeiser oder Kren werden vom Österreichischen Wörterbuch und längst auch vom Duden als gleichberechtigte Varietäten der Standardsprache anerkannt. Die Kartoffel ist ebenso korrekt wie der Erdapfel, Schriftdeutsch ist plurizentrisch.