Der Wiener Neubaugürtel ist normalerweise kein Ort für die Anhänger österreichischer Folklore und ländlicher Idylle. Heruntergekommene Zinshäuser reihen sich an Sexshops, schmuddelige Bars und Würstelstände. An einem Sonntag im März wird die zwielichtige Stimmung allerdings kurz von ruraler Gemütlichkeit verdrängt. Die Szenerie könnte einer Postkarte aus Bad Ischl entsprungen sein: Junge Frauen in roten, blauen und rosafarbenen Dirndln marschieren auf, Männer in Lederhosen und rot-weiß karierten Hemden, ältere Ehepaare in Trachtenjanker und mit Federn am Hut. Sie pilgern von der U-Bahnstation Burggasse zum größten Schunkel-Event der Bundeshauptstadt: der Schlagernacht des Jahres.

Der Eintrittspreis ist kein Schnäppchen, die Tickets kosten knapp 70 Euro. Aber wenn Helene Fischer, Semino Rossi, die Paldauer, Nik P. und die Jungen Zillertaler auf der Bühne stehen, spielt Geld offenbar keine Rolle. "Wir haben mit Schlagermusik in der letzten Zeit die Stadthalle viermal ausverkauft", sagt Walter Egle, Veranstalter und Gründer des Events. Warum das so gut funktioniert? "Schlager setzt Trends, junges Publikum entdeckt die Musik für sich, Altersgrenzen werden aufgehoben", meint Egle.

Wer in Österreich als Musiker viel Geld verdienen möchte, dem bleibt einzig die Schlagerbranche. Das Business ist knallhart, die Konkurrenz groß, doch wer es geschafft hat, wird dafür reichlich belohnt.

Mit dem Verkauf von Tonträgern werden im Schlagerbusiness allein in Österreich 20 Millionen Euro jährlich umgesetzt. Das ist allerdings nur ein Fünftel des gesamten Umsatzes, der in diesem Genre erwirtschaftet wird. Rechnet man Liveauftritte, TV-Shows, Tantiemen und Merchandising dazu, so spielen die Vertreter der Schunkelmusik nicht weniger als 100 Millionen ein. Im gesamten deutschsprachigen Raum wird der Umsatz auf mehr als eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

"Es stimmt, die Welt des Schlagers ist heiler als andere. Die Konzerte sind ausverkauft, die Medienpräsenz passt, der CD-Absatz stimmt, Online kommt mehr und mehr hinzu, und der Sektor des Merchandising ist riesig", sagt Franz Medwenitsch, Chef des österreichischen Musikverbandes IFPI. Verkaufserlöse im Pop- und Rocksektor sinken seit Jahren dramatisch. Selbst die klassische Musik erleidet Einbußen. Nicht so der volkstümliche Schlager: "Dort sind die Umsätze in den vergangenen Jahren um fast 50 Prozent gewachsen. Wir rechnen mit weiteren Steigerungen", sagt Universal-Boss Hannes Eder.

Die Liste der bestverkauften Alben österreichischer Musiker im Jahr 2013 wird von dem Alpen-Elvis Andreas Gabalier und der Trachten-Combo Die Seer angeführt. Semino Rossi, ein in Tirol ansässiger Argentinier, liegt an vierter Stelle, hinter dem Album zur Kinder-TV-Sendung Kiddy Contest Kids. So ist die glitzernde Schunkelbranche zur letzten Bastion einer Musikindustrie geworden, die durch illegale Gratis-Downloads und den Bedeutungsverlust der Jugendkultur ihrem Untergang entgegensteuert.

Als ein "neues, gesundes Heimatgefühl" beschreibt Österreichs erfolgreichster Schlagerstar Andreas Gabalier den neuen Boom. Peter Schilling von Sony Music sieht in Österreich generell einen Trend zum Regionalen. "In unserer schnelllebigen Zeit, in der sich alles globalisiert, sehnen sich die Menschen nach einer sicheren Heimat. In der Schlagermusik wird dieses Gefühl am besten vermittelt", sagt Schilling, der Stars wie Andrea Berg oder Nik P. betreut.