Noch vor ein paar Monaten dachten viele Investoren beim Stichwort Alibaba an 40 Räuber und ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Inzwischen wissen die meisten Anleger allerdings, dass es einen riesigen chinesischen Onlinehändler gleichen Namens gibt, dass dieser in New York an die Börse gehen will – und dass dieser Schritt das Potenzial hat, Rekorde zu brechen. An der Wall Street ist bereits ein wahres Fieber ausgebrochen: Wirtschaftssender bringen täglich Sondersendungen, Experten überbieten sich mit ihren Schätzungen, was das Unternehmen künftig wert sein wird.

Bis Ende des Jahres könnte Alibaba einen Marktwert von mehr als 200 Milliarden Dollar erreichen, ist zu hören. Damit wäre das Unternehmen, das trotz seiner Größe bis vor Kurzem nur China-Kennern ein Begriff war, mehr wert als Amazon oder Facebook. Unter den Internetkonzernen würde dann nur noch Google den chinesischen Riesen übertreffen. Das Kapitalmarktdebüt, bei dem Alibaba Anlegern nur einen Teil seiner Aktien offerieren dürfte, könnte sogar Facebooks Börsenauftritt schlagen, bei dem das Soziale Netzwerk 2012 rund 16 Milliarden Dollar einsammelte. Glaubt man der Financial Times, könnte Alibaba der bisher größte Börsengang in den USA werden. Banken hoffen auf hohe Gebühreneinnahmen und Anleger auf ein lukratives Investment.

Befeuert werden die Superlative durch eindrucksvolle Zahlen und die Tatsache, dass Alibaba den bisher so schwer zugänglichen, aber gigantischen chinesischen Markt dominiert (ZEIT Nr. 14/14). Gerne wird Alibaba als Mischung aus Amazon, eBay, Google sowie dem Bezahldienst PayPal beschrieben, seine Bedeutung auf dem Heimatmarkt ist kaum zu überschätzen. Als Gründer Ma Yun, ein ehemaliger Englischlehrer mit Hang zu konfuzianischen Weisheiten, Alibaba vor 15 Jahren startete, war es eine Internetseite, auf der chinesische Hersteller sich internationalen Abnehmern vorstellen konnten – heute ist Alibaba ein schnell wachsendes Konglomerat, das 80 Prozent des chinesischen Internetgeschäfts beherrscht. Im vergangenen Jahr machte es einen Umsatz von knapp acht Milliarden Dollar, das Potenzial für weiteres Wachstum* scheint groß. Jüngsten Zahlen zufolge hat Alibaba einen Jahresgewinn von umgerechnet 3,5 Milliarden Dollar erzielt, wobei sich der Profit im letzten Quartal 2013 im Vergleich zum Vorjahr sogar verdoppelte. Gemessen daran, scheint die hohe Bewertung Alibabas etwa im Vergleich zu Amazon durchaus vertretbar.

Auch wenn Alibaba dieser Tage den mit Spannung erwarteten Börsenprospekt mit vielen neuen Zahlen und Fakten vorlegen wird: Für Anleger bleiben selbst dann noch jenseits überschwänglicher Prognosen und Anekdoten über Ma Yun viele Fragen offen. Bei aller Euphorie: Sie sollten Ruhe bewahren und Vorsicht walten lassen.

Nachdenklich sollte Investoren zum Beispiel die Frage stimmen, warum Alibaba in New York an die Börse strebt. Zunächst wollte Alibaba sich in Hongkong notieren lassen, wo Sprache und Kultur vertrauter sind. Doch Ma und sein Führungsteam verlangten, dass sie auch nach dem Börsengang die absolute Kontrolle über den Konzern behalten – was bedeutet, dass die neuen Aktionäre wahrscheinlich so gut wie kein Mitspracherecht haben werden. Die Börse in Hongkong lehnte Alibabas Ansinnen ab, und so entschied Ma sich für New York, wo man mit Zweiklassengesellschaften unter Aktionären offenbar kein Problem hat.

Mit seinem Anspruch auf Alleinherrschaft ist Ma keineswegs allein: Auch die Gründer von Google und Facebook haben sich geradezu absolutistische Befugnisse gesichert. Ma allerdings hat bewiesen, dass er diese Macht bei Bedarf auch rücksichtslos einsetzt. So brachte er vor drei Jahren den Bezahldienst Alipay – ein wichtiges Kerngeschäft – unter seine persönliche Kontrolle, und zwar ohne die ausländischen Anteilseigner vorher groß zu informieren. Diese erhielten erst eine Entschädigung für die Abspaltung, nachdem sie heftig protestiert hatten. Zu ihnen zählen das amerikanische Internetportal Yahoo, das 24 Prozent an Alibaba hält, sowie der japanische Investor Softbank, dem 37 Prozent gehören. Beide sind frühe Profiteure von Alibabas neuem Starstatus. Viele Anleger kaufen Aktien von Yahoo oder Softbank, in der Hoffnung, so indirekt an Anteile von Alibaba zu kommen. Yahoo ist eine Hauptquelle für harte Zahlen, denn es informiert im Rahmen der eigenen Berichterstattung über die Ergebnisse seiner Beteiligung. Alibaba selbst gibt sich bisher wenig auskunftsfreudig.