Im späten Mittelalter der Fotografie, als die Technik der schnellen Verschlusszeiten und seriellen Blitzlichter auf dem Vormarsch war, taucht als Wegelagerer der Paparazzo auf. Durch seine Übergriffe haben wir eine sehr viel genauere, visuelle Kenntnis der Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum erhalten.

Es mutet seltsam an, dass dem Paparazzo immer wieder und im verächtlichen Ton Voyeurismus oder sogar "blanker" Voyeurismus vorgeworfen wurde, schließlich machte er nur, was der Fotoapparat und die daraus hervorgegangene Industrie des Bildjournalismus ihm offeriert. Er erhascht, er schnappt auf, er dringt ein, er schlachtet aus. Und damit macht er (nur) als Metier, was seit Beginn der Fotografie und noch mehr des Kinos in und über die Welt gekommen ist. Der andere, das Gegenüber, das berühmte, geschützte, einzigartige Gesicht des anderen, ist ein schier unerschöpflicher Rohstoff geworden, den auszubeuten, zu verteilen und ästhetisch zu veredeln ein unerbittliches Gesetz geworden ist.

Wenn der Körper – symbolisch gesprochen – der gesellschaftliche und das Gesicht der individuelle Teil des Menschen ist, dann will der Paparazzo in diesem Spannungsfeld als ein echter Agent und Akteur der Bildindustrie die Individualität auf spektakuläre und gewalttätige Weise vergesellschaften. "Du gehörst uns" ist die Devise dieses Fotografen – und eben nicht: zu uns. Dass dieser Kampf, vor allem, wenn es um jene Gesichter geht, die alles darangesetzt haben, bekannt zu werden, nur zum Schein und um des Scheines willen ausgefochten wird, wissen der Angreifer wie die Angegriffenen.

Zu den gelungensten Fotos zählt sicher das von Anita Ekberg, die, für den Betrachter unsichtbar, auf der Gangway verharrt: Geburt der Venus aus den Wolken. Der Augenblick der überwältigenden Erwartung und Enthüllung (die ja immer mit dem Moment einer sakral unterfütterten Schamlosigkeit einhergeht) ist hier zum Exzess gesteigert. Die Pointe dieses Fotos ist, dass niemand glaubt, Frau Ekberg selbst habe die Aufnahme gemacht.

Das Foto des vergeblich sich zur Wehr setzenden Mick Jagger (mit dem bereits den Publicity-Mehrwert einheimsenden Schwarzenegger an seiner Seite) erinnert mich an ein düsteres, von Vertrauensverrat förmlich vergiftetes Bild: der auf seine Einsamkeit bedachte Jerome D. Salinger, der wütend gegen eine Autoscheibe pocht, als er, gegen alle Absprache, von einem abfahrenden Journalisten "geschossen" wird.

Zu den wirklich erhellenden Paparazzi-Fotos darf jenes von George W. Bush gezählt werden, der über dem Rubik-Würfel knobelt und der dabei jene Vorstellung bestätigt, dass Politiker genau so ticken, wie der kleine Moritz sie sich vorstellt.

Es gibt ein tragikomisches, geradezu unfreiwillig inszeniertes Foto, das Maria Callas zeigt, wie sie zwischen ihrem Noch-Ehemann Meneghini und dem Reeder Aristoteles Onassis steht. Allein an der Art, wie Onassis nach ihr greift und grapscht, zeigt, dass Meneghini diesen Kampf nicht gewinnen wird. Eine große Uhr im Hintergrund suggeriert, dass die Zeit abgelaufen ist. Und der Betrogene liefert auch noch den Text zum Foto: "How Onassis stole my Maria" war die Story zu diesem Bild in der Sunday Times betitelt.

Der Wegelagerer ist verschwunden – die technische Entwicklung der ubiquitären Knipserei bedarf keines entscheidenden Augenblicks mehr, der von dem picture hunter abgepasst werden müsste: Diesen Augenblick gibt es nicht mehr. Die inflationäre Banalisierung und Exhibition des Privaten im Öffentlichen rückt die Paparazzi-Fotos in eine historische Perspektive. Man könnte, in dialektischer Umkehrung des Ereignisses, diese Bilder als den Vorschein verstehen, einmal unbewacht leben zu können.

Die Ausstellung "Paparazzi. Fotografen, Stars und Künstler" läuft vom 27. Juni bis 12. Oktober in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, www.schirn.de