DIE ZEIT: Frau Anselmo, Sie haben mit einer Freundin im Internet die Kampagne "No Love Locks" ins Leben gerufen: Sie richtet sich gegen die Vorhängeschlösser, die Paare als Zeichen ihrer Liebe an Pariser Brücken anbringen. Was ist daran denn so schlimm?

Lisa Anselmo: Die Masse! Neulich ging ich nach längerer Zeit mal wieder über die Pont de l’Archevêché, eigentlich eine hübsche Brücke nahe Notre-Dame. Aber man sieht gar kein Geländer mehr, nur noch Schlösser. Sie wuchern wie ein Schimmelpilz über die Brüstung. Da dachte ich: Liebe kann keine Ausrede sein, Paris zu verschandeln.

ZEIT: Sind die Schlösser so verbreitet?

Anselmo: Oh ja. Einst sah man sie nur an der Pont des Arts. Jetzt hängen sie selbst an kleinen Fußgängerbrücken. Geschätzt sind es 700.000 Stück – und das ist sogar richtig gefährlich.

ZEIT: Jetzt übertreiben Sie aber ...

Anselmo: Keineswegs. Ein Quadratmeter dieser Schlösser wiegt mehr als 300 Kilo. Stellen Sie sich vor, ein Stück Geländer bricht ab und fällt auf eine Fähre voller Touristen. Oder jemand stürzt, während er sein Liebesschloss festmacht. Manche Leute hängen sich ja sogar von außen an die Brücken, nur weil sie einen guten Platz für ihr Schloss finden wollen. Den Fischen tut der Brauch übrigens auch nicht gut. Es ist ja üblich, die Schlüssel zum Schloss in die Seine zu werfen. Da schwimmt dann tonnenweise Metall.

ZEIT: Geht es Ihnen denn nur um Tierwelt und Sicherheit, oder stört Sie auch das Ritual an sich?

Anselmo: Ich finde, das ist was für Teenager. Die ritzen ja auch gerne ihre Initialen in Bäume und malen überall rote Herzchen hin. Zu Erwachsenen passt das nicht. Und schon gar nicht in diese Stadt. Deshalb sieht man auch so gut wie nie Pariser so ein Schloss aufhängen. Hier hat Liebe mit Freiheit zu tun. Ein Schloss als Symbol für die Liebe, das finden Franzosen bizarr. Schließlich ist ihr Nationalfeiertag der 14. Juli – der Tag, an dem sie die Bastille stürmten, ein Gefängnis. Und der nationale Leitspruch beginnt mit dem Wort liberté. Aber viele Touristen denken, Liebesschlösser seien ein alter französischer Brauch.

ZEIT: Dabei stammt die Idee wohl ursprünglich aus Italien. Allerdings hängen solche Schlösser heute in vielen europäischen Städten an den Brücken, in Köln, Peć oder Helsinki ...

Anselmo: In Paris tauchten die ersten Exemplare 2006 auf. Aber lange Zeit sah man sie trotzdem selten. Ich hatte vor zwei Jahren eine Freundin aus den USA zu Gast, die unbedingt ein Liebesschloss aufhängen wollte. Aber wir fanden keinen Händler! Heute gibt’s die Dinger massenhaft: in kleinen Läden nahe den Brücken oder bei einem der zahllosen Straßenverkäufer.

ZEIT: Wie ist dieser Trend entstanden?

Anselmo: Das hat sich einfach über die digitalen Netzwerke verbreitet. Bei Google Maps heißt die Pont de l’Archevêché inzwischen "Love Lock Bridge". Das ist wie eine Manie. Es geht darum, sagen zu können: Ich war dabei, ich hab mitgemacht.

ZEIT: In Berlin sind Liebesschlösser an Brücken mittlerweile verboten. Könnte das ein Vorbild für Paris sein?

Anselmo: Ja. Ich bin absolut für ein Verbot.

ZEIT: Würde es nicht reichen, die Schlösser hin und wieder zu entfernen?

Anselmo: Das bringt nichts. An der Pont des Arts wurde neulich ein Stück Geländer ausgetauscht, Tage später hing wieder alles voll.

ZEIT: Mehr als 5.000 Menschen haben Ihre Petition inzwischen unterzeichnet, darunter viele Pariser. Kommentieren die Unterstützer das eigentlich auch?

Anselmo: Oh ja. Eine Frau schrieb zum Beispiel: "Paris is the city of love, not the city of locks." Viele Einwohner fühlen sich belagert – von Touristen, die einmarschieren und ihre Brücken verunstalten. Die Pont de l’Archevêché etwa war mal ein beliebter Picknickplatz. Jetzt meiden Pariser die Brücke, weil sie nicht zwischen fliegenden Händlern essen und auf eine Schlösserwand starren wollen.

ZEIT: Ihre Kampagne findet aber nicht nur Zuspruch. Mancher hält sie für überzogen. Oder stört sich daran, dass zwei Amerikanerinnen im Namen der Pariser sprechen.

Anselmo: Wir leben beide in Paris und fühlen uns als Einheimische. Letztlich möchten wir mit der Kampagne vor allem die Besucher sensibilisieren, ihnen sagen: Ihr reist wieder ab – aber die Pariser müssen das jeden Tag anschauen. Es geht ja nicht nur um die Schlösser. Touristen sollten die Orte, die sie bereisen, nicht verändern. Sie sollten dort nichts hinterlassen als ihre Fußspuren.

ZEIT: Gehören die Liebesschlösser verbannt?

Anselmo: Zumindest von den Brücken. Die Stadt könnte ja einen Wettbewerb für Künstler ausschreiben, die einen neuen Ort für die Schlösser schaffen, in einem Park oder an den Champs-Élysées. Dort könnten sie zum Teil einer Skulptur werden. Dann wären Liebesschlösser fast schon wieder cool.