Bei Brahms und Britten liegt das Publikum auf Luftmatratzen. Bei Johann Sebastian Bach und Sergej Prokofjew steht es am Frühstücksbuffet und schmiert Butter auf Croissants. Bei Igor Strawinsky sitzt es in alten Kinosesseln, bei George Enescu auf großen Gummibällen. "Vielleicht hört man anders, wenn man anders sitzt", sinniert Steven Walter. "Vielleicht macht Stillsitzen den Zugang zur Musik kaputt." Walter, 27 Jahre alt, schwarze Jeans, verwuscheltes Haar, ist künstlerischer Leiter des Podium Festivals im schwäbischen Esslingen vor den Toren Stuttgarts. Vor sechs Jahren hat er das Kammermusikfestival zusammen mit einem guten Freund gegründet. Heute ist es eines der spannendsten in ganz Deutschland.

Walter, der in Schwaben aufwuchs und in Oslo Cello studierte, ging als Teenager oft mit seinen Eltern in die Stuttgarter Liederhalle. Er saß dort zwischen Menschen, die graue Haare hatten, die steif in ihren Stühlen verharrten und nicht zu husten wagten. Menschen, die ganz genau wussten, wann man klatschen darf und wann nicht. Walter hörte dort Beethoven und Schubert, Mozart und Bach. Er liebte die Musik, aber die Konzerte liebte er nicht. "Ich habe früh eine große Frustration darüber gespürt, dass die Dinge dort so sind, wie sie sind", sagt er. Irgendwann ist Steven Walter dann aufgebrochen, um alles anders zu machen.

Die Dinge verhalten sich in traditionellen Konzerthäusern wie der Liederhalle ungefähr so: Damit der Saal voll wird, werden große Stars gebucht. Rudolf Buchbinder, Anne-Sophie Mutter, Rolando Villazón. Beethoven und Schubert laufen gut, Bach und Dvořák auch noch, Wolfgang Rihm und Alfred Schnittke eher nicht. Das Publikum ist überwiegend weiß, deutsch und alt. In den letzten 20 Jahren ist sein Altersdurchschnitt um mehr als zehn Prozent gestiegen. Bis 2050, sagt der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle, wird es um ein Drittel schrumpfen.

Steven Walter kennt die Zahlen. Er weiß, dass die Jungen nicht von allein in die Konzerthäuser gehen werden, wenn die Alten irgendwann gestorben sind. Deshalb will er ein Festival, bei dem die Dinge anders laufen.

Sechs Jahre alt wird das Podium Festival 2014. Und wie jedes Jahr werden aus den Regionalzügen am Esslinger Hauptbahnhof Dutzende junger Menschen mit Geigen- und Cellokoffern steigen, mit Flötentaschen und Notenmappen. Musiker und Tänzer aus fast zwei Dutzend Ländern, manche nicht mal 20 Jahre alt. Sie sind gut, sie sind jung und außerdem ziemlich unbekannt – genau wie ein großer Teil der Musik, die sie zusammen spielen werden. Kein einziges Ensemble des Festivals wurde fertig einkauft, die meisten haben überhaupt noch nie zusammen gespielt. Zwei, drei Proben, dann muss alles sitzen. Verträgt sich das mit unseren Begriffen von Professionalität, von Seriosität? "There’s something very rock ’n’ roll about that", sagt ein Bratscher aus Amsterdam. Für traditionelle Häuser wäre das bestimmt ein Risiko. In Esslingen sind die Tickets Wochen vor dem ersten Spieltag ausverkauft.

Mit den Esslingern ist das Festival seit seiner Gründung eng verwoben: Eine Buchhändlerin hilft beim Ticketverkauf, eine Juristin bei den Sponsorenverträgen, ein Goldschmied gründete eine Stiftung, um das Festival zu fördern. Wenn die Probenräume in der kleinen Stadt zu knapp werden, arbeiten die Musiker in den Häusern von Esslinger Familien. In Socken stehen sie dann in fremden Wohnzimmern, proben Maurice Ravel und Morton Feldman, es gibt Pizza aus großen Schachteln und Maultaschen geschmelzt mit Kartoffelsalat. Die Distanz zwischen denen, die Musik machen, und denen, die Musik hören, schrumpft, vielleicht wird sie eines Tages ganz verschwunden sein. Aus Zuhörern werden Mitwirkende. "Entanonymisierung" nennt Steven Walter dieses Prinzip.

Einige Wochen vor Festivalbeginn sitzt Steven Walter mit ein paar jungen Frauen und Männern in einem Restaurant am Neckar. Sie beraten, wann geprobt wird, wer die Notenständer wann wohin trägt, wer Karten abreißt und Sekt ausschenkt. Handys klingeln, E-Mails trudeln ein, auf dem Tisch stapeln sich leere Latte-Macchiato-Gläser. Alle machen diese Arbeit neben der Schule, dem Job, dem Studium. "Andere gehen Tennis spielen, wir machen halt ein Festival", sagt Minh Schumacher. Vor sechs Jahren hat er Podium mitgegründet, jetzt studiert er in München Medizin. Früher hat er mit Steven Walter im selben Orchester gespielt. Bis heute verbindet sie der Ehrgeiz, der Musik, die sie lieben, aus ihrem bürgerlichen Korsett zu helfen. "Eine Philharmonie, das ist für viele junge Leute ein Unort!", sagt Walter. Schumacher nickt: "Und wenn sie sich doch reinverirren, dann klatschen sie zwischen den Sätzen, und dann war’s das. Oft fürs Leben."