Der absolute Wahnsinn – Que loucura! Was läuft da nur für ein Film ab in meinem Kopf! Da sind Tausende zu Victoryzeichen gespreizte Finger, Frauen und Männer, in Schlaghosen und überglücklich. Da läuft ein Schauer über meinen Rücken, beim Erklingen des Revolutionsliedes Grândola im Hafenstädtchen Setubal. Da sind die Freudentränen der befreiten politischen Gefangenen, Solidaritätskundgebungen weltweit. Und: Da ist die rote Nelke, die ich auf dem Universitätscampus in Lissabon von einer charmanten deutschen Studentin geschenkt bekam.

Sind diese Szenen real? Hat es sie überhaupt gegeben, die Nelkenrevolution? Die Revolution, in der tatsächlich das Gute über das Böse, der Fortschritt über die Reaktion, die Freiheit über die Unterdrückung triumphierte? Wurde er wirklich errungen, dieser eindeutige, unblutige Sieg nach einem kurzen Kampf?

Wenn ja, dann jährt sich diese Revolution am 25. April zum vierzigsten Mal.

Alle Revolutionen davor und danach erscheinen diffuser, komplizierter, manipuliert, schon vor ihrem Ende von den Medien zerredet – der Arabische Frühling, der Maidan. Die portugiesische Nelkenrevolution war vielleicht die letzte Revolution, bei der die Fronten zwischen Gut und Böse geklärt schienen.

Die Bösen, das waren die Repräsentanten der ältesten Diktatur Westeuropas, die Erben des Estado Novo, des "Neuen Staates", und seines Schöpfers António de Oliveira Salazar, der Portugal 36 Jahre lang regiert hatte. Seine Herrschaft war der Benito Mussolinis in manchen Punkten nicht unähnlich, ein quasifaschistischer Ständestaat, katholisch, rückwärtsgewandt, autoritär. Als der greise Diktator 1970 starb, lag das Land darnieder, ruiniert von Salazars Abschottungspolitik und den so kostspieligen wie opferreichen Kolonialkriegen.

Die Guten, das waren die Soldaten in der "Bewegung der Streitkräfte" – dem Movimento das Forças Armadas (MFA). Junge, linke Männer, im Begriff, die Geschicke ihres Landes selbst in die Hände zu nehmen.

Kurz nach Mitternacht an jenem 25. April 1974 sendete der katholische Sender Rádio Renascença das bis dahin verbotene Lied Grândola, vila morena ("Grândola, braun gebrannte Stadt") des Protestsängers José Afonso. Im Liedtext geht es um Brüderlichkeit und um einen schönen Ort, in dem "das Volk selbst über seine Geschicke bestimmt". Es war das Signal für alle militärischen Einheiten, die sich zum MFA bekannten, mit der "Operation Ende des Regimes" zu beginnen.

Innerhalb weniger Stunden besetzten sie alle strategisch bedeutenden Orte des Landes: Flughäfen, Rundfunksender, die wichtigsten Zufahrtstraßen. In ersten Verlautbarungen riefen die Sprecher der Bewegung die Bevölkerung auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Die Menschen strömten dennoch auf die Straßen und riefen: "Wenn das Volk zusammenhält, wird es niemals besiegt werden!" Die Vertreter des alten Regimes dankten noch am selben Abend ab. Und die Blumenfrauen Lissabons steckten den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe. Der Mythos Nelkenrevolution war geboren.

In den Folgejahren sollte dieser Mythos mein Leben als Journalist begleiten. Ich begegnete unterschiedlichen Protagonisten der Bewegung. Die meisten bemühten sich, den Mythos aufrechtzuerhalten. Andere ließen ihn bröckeln wie morschen Putz.