Matthias Jungs* Zeigefinger liegt auf dem Knopf der Warnblinkanlage. Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel, dann drückt er das kleine Warndreieck, gleitet aus dem Transporter, holt den Sack aus dem Laderaum und eilt zum Briefkasten. Der 33-Jährige, groß, lichtes Haar, rundliche Gestalt, trägt ein gelbes T-Shirt. Auf der Rückseite ist es mit dem schwarzen Posthorn bedruckt. Darunter stehen vier Wörter, die für Jungs Gehalt einen enormen Unterschied bedeuten: "Servicepartner der Deutschen Post".

Matthias Jung leert Briefkästen für die Deutsche Post. Angestellt ist der Fahrer allerdings bei einem Auftragnehmer des einstigen Staatsmonopolisten, genauer gesagt bei einem Subunternehmen eines Subunternehmers. Um Kosten zu sparen, hat die Post vor mehr als zehn Jahren damit begonnen, diese Arbeiten an Fremdfirmen zu vergeben. Die Post sagt, es werde nur "ein geringer Anteil der Leerungen durch Servicepartner" erledigt. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di geht aber vom Gegenteil aus: "Die Fremdvergabe ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel."

So ist ein Netz aus Hunderten Firmen entstanden, die um die Aufträge buhlen. Billiger gewinnt. Nicht zuletzt deshalb, weil die Partnerfirmen ihren Mitarbeitern nicht den gleichen Lohn zahlen wie die Post. Fahrer, die bei der Deutschen Post beschäftigt sind, bekommen laut Tarifvertrag etwa 11 Euro die Stunde, nach zwölf Jahren sogar rund 14 Euro, und haben eine 38,5-Stunden-Woche.

Matthias Jungs Vertrag sieht demgegenüber 40 Wochenstunden vor – bei einem Gehalt von 789 Euro brutto im Monat. Sein Tag beginnt um sieben Uhr morgens und endet um 19 Uhr. Mittags hat er zwei Stunden frei, samstags früher Feierabend. Umgerechnet verdient er 4,50 Euro die Stunde. Jung muss also fast zweieinhalb Stunden arbeiten, um genauso viel zu verdienen wie ein Post-Angestellter in einer Stunde. Laut einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts aus dem Jahr 2004 ist ein Lohn, der ein Drittel unterhalb des Tariflohns liegt, ein Wucherlohn. Matthias Jungs Gehalt liegt sogar noch deutlich darunter und ist damit – sittenwidrig.

Die Deutsche Post verhindert es nicht. Dort heißt es sogar offiziell, das gehe den Konzern nichts an, es sei Sache der Subunternehmer: "Die Verantwortung für die Gestaltung der Arbeitsbedingungen" und auch "der Höhe der Vergütung liegt beim Servicepartner".

Wäre heute der 1. Januar 2015, hätte Matthias Jung wenigstens Anspruch auf 8,50 Euro die Stunde. Das ist die Grenze, bei der das Kabinett gerade den Mindestlohn festgesetzt hat. Ihn durchzusetzen war ein langer Kampf, auch jetzt wird noch hart darüber gestritten, ob dadurch Hunderttausende Jobs verschwinden. Und wie viel Lohngerechtigkeit sich dieses Land leisten kann.

Matthias Jung hat jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er eilt schon zum nächsten Briefkasten. Den Motor seines Transporters lässt er laufen. Sieben Kästen muss Jung in der nächsten Viertelstunde schaffen. So steht es in seinem Tourenplan, der in einem Ordner auf einer Ablage in der Fahrerkabine liegt. Seine Fahrt führt ihn durch den Süden Berlins, ein Wohnviertel aus Plattenbauten, begrenzt von mehrspurigen Straßen, die wie ein Viereck sein Gebiet umschließen. Würde man seine Route in eine Karte einzeichnen, ähnelte sie einer riesigen Acht, zusammengesetzt aus vielen kleinen Zickzackfahrten, die durch ständiges Wenden und Rückwärtsfahren entstehen.

Während der Fahrt blickt Jung ständig auf die Uhr im Armaturenbrett. Bis spätestens 18.37 Uhr muss er auf dem Posthof sein, der einige Fahrminuten von seinem Gebiet entfernt liegt. Dann startet von dort ein gelber Post-Lkw, der die gesammelten Briefe aller Fahrer ins Briefverteilungszentrum nach Tempelhof bringt. Wer zu spät kommt, muss selbst fahren. Zeit, die Jung wieder nicht bezahlt bekommt.

Am 1. Januar 2008 fiel in Deutschland das Briefmonopol. Seither dürfen nicht mehr nur die Deutsche Post, sondern auch Konkurrenten wie die Pin Mail AG oder TNT Briefe transportieren. Mehr Wettbewerb sollte für niedrige Preise und höhere Qualität sorgen. Doch gleichzeitig geschah etwas anderes: Wenige Tage vor der Marktöffnung hatte die Bundesregierung – auf massiven Druck der Post hin – hastig einen Mindestlohn beschlossen. Er sollte allerdings weniger dem Schutz der Arbeitnehmer dienen als dem Schutz des bisherigen Monopolisten vor mehr Wettbewerb. Als das Bundesverwaltungsgericht den Mindestlohn zwei Jahre später wieder kippte, waren viele Post-Konkurrenten bereits vom Markt verschwunden. Sie konnten die hohen Tarife nicht zahlen und mussten Insolvenz anmelden.

Man kann also sagen: Mit dem alten Post-Mindestlohn schaffte sich die Post unliebsame Konkurrenten vom Leib, um nun anschließend mit der Fremdvergabe von Aufträgen jenen Zustand zu befördern, den sie einst bei ihren Wettbewerbern anprangerte: Dumpinglöhne.