Im Moment sieht es so aus, als würde Wladimir Putin den Konflikt um die Ukraine gewinnen, machtpolitisch und ideologisch. Er bestimmt das Tempo der Auseinandersetzung, die Destabilisierung der Ostukraine schreitet voran, während der Westen vielstimmig und gespalten wirkt, seltsam weich und langsam.

Und jeder weiß, dass es bei alldem um mehr geht als die Menschen in der Ukraine, die um ihr Selbstbestimmungsrecht kämpfen, auch um mehr als einen geopolitischen Konflikt alter Art. Es ist ein Kampf zwischen zwei Kulturen, bei dem zutiefst menschliche Fragen auf der Tagesordnung stehen. Fragen wie: Ist es eine Schwäche, Schwächen zu zeigen – oder eine Stärke? Ist Meinungsvielfalt ein Wettbewerbsvorteil oder ein Handicap? Ist demokratische Langsamkeit letztlich hilflos gegenüber autoritärer Tatkraft?

Und: Was ist eigentlich heutzutage ein Sieg?

Ausgetragen wird dieser Streit der Kulturen in den Medien, die zugleich auch ihr Gegenstand sind. Zu Beginn der Krise verhielten sich die westlichen Medien in gewisser Weise unwestlich, sie waren sich nämlich ganz ungewöhnlich einig in der Verurteilung des russischen Vorgehens. Das wirkte schräg, zum einen wegen dieser fast abgesprochen wirkenden Einigkeit, zum anderen, weil in der Kritik an Russland alle westlichen Sünden vergessen zu sein schienen.

Mittlerweile jedoch hat eine Welle westlicher Selbstkritik eingesetzt, die allerdings in Moskau – und hier zeigt sich, wie anders man dort tickt – wiederum als Schwäche ausgelegt wird.

Ein sprechendes Beispiel dafür ist die ungewöhnliche Karriere, die ein Artikel aus der vorletzten Ausgabe der ZEIT in der russischen Öffentlichkeit gemacht hat. In dem Artikel mit der Überschrift Wie Putin spaltet ging es um die Frage, warum in Deutschland öffentliche und veröffentlichte Meinung beim Thema Putin und Ukraine derart auseinanderfallen, warum die demoskopischen Mehrheiten ein ganz anderes Bild ergeben als die geschriebenen Artikel und die Politik fast aller Parteien.

Ist nur eine humanitäre Intervention, flötete Putin. Nun macht er Fehler

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Es war darin die Rede von den Legitimationsproblemen des Westens, von den Fehlern der amerikanischen und europäischen Politik in den vergangenen fünfzehn Jahren, nichts Besonderes also. Ungewöhnlich war indes der Umgang der russischen Medien damit. Dort wurde der Artikel in mehreren Zeitungen nachgedruckt, im Fernsehen und im Radio vielfach zitiert, Tenor: Da sieht man mal, wie uneins sich die Deutschen sind und wie gut unsere Argumente dort wirken. Es hatte etwas genussvoll Triumphales. Und es zeugte von einem gewissen Unverständnis in der russischen Öffentlichkeit, wie die deutsche Öffentlichkeit funktioniert.

Denn es gehört ja gerade zur Dialektik des Demokratischen, dass die Selbstkritik den Westen immer wieder lernen lässt, sie machte die Kritik an Putin differenzierter und ließ zugleich die moralische Selbstgewissheit auf ein zuträgliches Maß sinken.

Während also der Westen in der Auseinandersetzung mit sich selbst allmählich zu sich kommt, können sich die weit weniger pluralistischen russischen Medien aus dem Gefühl des Triumphes nicht lösen. Und schon häufen sich die Fehler der russischen Führung.