Die Fundamente der Weltarchitektur, sie passen auf zwölf Quadratmeter. So klein ist die Fläche, auf der in Rotterdam seit einigen Wochen an der wohl wichtigsten Bauausstellung des Jahrzehnts gebastelt wird. Im Erdgeschoss eines schmucklosen Rotterdamer Bürogebäudes steht ein Modell des zentralen Pavillons für die Architekturbiennale in Venedig. Junge Menschen haben die Miniaturräume in den vergangenen Monaten mit verkleinerten Ausstellungsstücken aus Pappe und Fotos auf Papier gefüllt. Winzige Balkone, Treppen, Fenster und Türen sieht man da. Und auch das Klo der Zukunft. Aber dazu später.

Alle zwei Jahre trifft sich in Venedig die Internationale der Architekten und Architekturinteressierten. Doch diesmal ist Rem Koolhaas der Kurator der Biennale, und schon seine Ernennung hatte für ein weltweites Raunen und einige Vorfreude gesorgt. Nicht nur Legionen von Architekten, Künstlern und Kritikern, sondern auch viele Unternehmer und Staatenlenker verehren den Niederländer wie einen Propheten. Er hat die dickleibigsten, aber auch meistgelesenen Theoriewälzer geschrieben, er hat in Peking für das Staatsfernsehen CCTV den Wolkenkratzer neu erfunden und nebenbei noch Unternehmen wie Prada zu einem avantgardistischen Image verholfen. Was wird der Großbaumeister und Chefdenker Koolhaas uns zur Lage der Architektur erzählen, wenn er am 7. Juni unter dem unbescheidenen Titel Fundamentals die Biennale eröffnet?

In Rotterdam darf man schon jetzt etwas davon sehen. Hier hat Koolhaas seit zwei Jahren mit Dutzenden von Mitarbeitern an den Konzepten gearbeitet. Denn Koolhaas ist immer nur der Dirigent, sein Erfolg beruht auf einem großen Orchester. Mehr als zweihundert Architekten arbeiten für ihn im Rotterdamer Hauptquartier des Office for Metropolitan Architecture (OMA) und in den Außenstellen in New York, Hongkong, London und Doha. Der Mann, der gerade in dem Biennale-Modell steht und die Miniatur eines Klos an den richtigen Ort schiebt, heißt Federico Martelli, geboren 1980 in Chile. Eigentlich ist Martelli gelernter Biologe, doch in London hat er zusätzlich Fotografie und Architektur studiert, um dann für den Künstler Wolfgang Tillmans Ausstellungen zu organisieren. Nun ist er seit zwei Jahren bei AMO angestellt, dem Gehirn von OMA. Bei AMO wird für Publikationen und Ausstellungen geforscht, hier recherchieren auch regelmäßig die Harvard-Klassen von Koolhaas. Zwei dieser Klassen mit jeweils zwölf Studenten haben auch die Kärrnerarbeit für den wichtigsten Teil der Koolhaas-Biennale geleistet: Sie lieferten die Grundrecherche zu den Elements of Architecture.

Dass sich ausgerechnet der Visionär Koolhaas in Venedig nicht mit dem Futur, sondern mit einer Rückschau auf die vermeintlich banalen Grundlagen des Bauens beschäftigt, hat nach seiner Ernennung für ein weiteres Raunen in der Architektenwelt gesorgt. Fünfzehn solcher Elemente haben Koolhaas, sein Team und befreundete Wissenschaftler wie Stephan Trüby und Manfredo di Robilant ausgemacht: Boden, Decke, Wand, Tür, Fassade, Balkon, Fenster, Korridor, Dach, Treppe, Feuerstätte, Rolltreppe, Rampe, Aufzug und die Toilette. Die Studenten recherchierten zusammen mit den Forschern aus Koolhaas’ Team die Geschichte jedes dieser baulichen Teile und machten unter Martellis Anleitung daraus kleine, interne Ausstellungen – und ein unglaublich dickes, den Umfang aller bisher da gewesenen Architekturbände sprengendes Buch. Dieser Grundkurs der Architektur soll während der Biennale erscheinen, noch aber wird daran gearbeitet und der Dummy mit dem rosa Einband wie ein heiliger Gral eilig durch die Büroräume getragen.

Die Ausstellung in Venedig wird ein Extrakt dieses Buches sein, erklärt Martelli und führt den Besucher durch das Modell: "Jedes Element bekommt seinen Ausstellungsraum, im Saal der Treppe etwa zeigen wir Dutzende von verschiedenen Treppen." Die Beispiele stammen aus dem Archiv des 1921 geborenen Denkmalpflegers Friedrich Mielke, des deutschen Gründers der Gesellschaft für Treppenforschung, auch Scalalogie genannt, auf den das OMA-Team bei seinen Recherchen stieß.

"Der Saal zur Geschichte der Toilette ist mein Lieblingsraum", sagt Martelli. An den Wänden wird man Zeichnungen, Fotos und Diagramme des 2005 verstorbenen Alexander Kira sehen, eines geradezu obsessiven Forschers an der Cornell-Universität in Ithaca, New York, der sein Leben der Ergonomie von Toiletten widmete. Dazu wird die Evolution der Toilette anhand von Objekten nacherzählt, das British Museum in London leiht für die Biennale eine Marmorlatrine aus dem alten Rom. Im Westen funktionieren die Klosetts heute bekanntlich mit einer Wasserspülung, dafür benutzt man zum Reinigen nur trockenes Papier. In vielen Ländern außerhalb des Westens funktionieren die Toiletten genau andersherum: Die Toiletten sind trocken, dafür reinigt man sich danach weit säuberlicher mit Wasser. Was im Übrigen die zukunftsweisende, da nachhaltigere Methode ist, wird hier doch weniger Wasser verbraucht. "Wir brauchen ein radikales Umdenken bei den Klosetts", sagt Martelli, in den meisten Ländern der Welt gebe es schließlich keine funktionierenden Kanalisationssysteme. Martelli kann auch das Klo der Zukunft ausstellen, es ist ein Prototyp, der im Auftrag der Bill & Melinda Gates Foundation entwickelt wurde, ein autarkes System, das ohne Kanalisation und Wasseranschluss arbeitet und sogar Energie produziert.