Am vergangenen Sonntag war Leon bei seinem Vater. Er wollte lieber mit dem Papa Auto-Quartett spielen als mit der Mama zum Singen in die Kirche gehen. Dabei war Papa eigentlich gar nicht dran. Es war Mama-Wochenende. So hatte es das Familiengericht eben festgelegt: neun Tage Mama, fünf Tage Papa. "Dennoch hat die Mutter zugestimmt, einfach so", sagt der Vater. Und es hört sich an, als sei ihm ein Wunder widerfahren.

Auf bestimmte Weise ist es das auch. Was in einer Familie selbstverständlich sein sollte – ein Junge unternimmt spontan etwas mit seinem Vater, ohne die Mutter –, schien für den neunjährigen Leon und seine Eltern lange unerreichbar. Nach heftigen Krächen und einer Trennung im Streit lieferte sich das Berliner Paar noch eine jahrelange Fehde, Anzeigen bei der Polizei und einstweilige Verfügungen vor Gericht inklusive. Sie hätte den Exmann am liebsten am anderen Ende der Welt gesehen. Er wollte nicht bloß der Zahlpapa sein, der alle 14 Tage mal mit Leon in den Zoo geht. "Es herrschte Krieg", sagt Ingo Mintrupp*, der Vater. "Jeder Atemzug des anderen war falsch", sagt Friederike Pertuch, die Mutter.

Von ihren Konflikten reden sie heute in der Vergangenheitsform. Als Paar werden sie wohl nie wieder zusammenkommen und als Familie auch nicht. Aber beide versichern: "Heute können wir über Leon einigermaßen sachlich reden." Und das ist ungeheuer viel.

Es hat Zeit gebraucht, bis die beiden dazu fähig waren. Insgesamt fast fünf Jahre. Und es hat viele Helfer gebraucht, die sie dorthin brachten. Zählt man all die Juristen, Verfahrenspfleger, Sozialarbeiter, Mediatoren, Familientherapeuten und Kinderpsychologen zusammen, bemühten sich rund ein Dutzend offizielle Personen darum, zwei verfeindete Erwachsene im Interesse ihres Kindes zur Vernunft zu bringen. Sie alle hatten eine Botschaft: Eure Beziehung mag beendet sein, aber Eltern bleibt ihr ein Leben lang.

Kinder brauchen beide, die Mutter und den Vater, auch wenn die Familie auseinanderbricht. Die Forschung weiß das schon lange. Und auch die Trennungspaare selbst können sich dieser Erkenntnis immer schwerer entziehen. Tun sie es doch, werden sie von Jugendämtern, Beratungsstellen und Gerichten an ihre gemeinsame Verantwortung fürs Kind erinnert – wenn nötig, mit Druck.

An vielen Familiengerichten hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Die Richterbank ist zum runden Tisch geworden, der Richter zum Erzieher der Eltern. Statt wie in früheren Zeiten einer der Streitparteien die Schuld an der Scheidung und der anderen die Sorge für das Kind zuzusprechen, versuchen die Juristen heute das Gegenteil. Ob überhaupt einer und wenn ja, wer Schuld hat an der Trennung, darauf kommt es nicht mehr an. Heute geht es darum, sogar hassvoll ineinander verkrallte Paare dazu zu bringen, als Eltern wieder zu funktionieren.

Dabei gehen die Richter pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende . Vermutlich gibt es von Gericht zu Gericht und von Region zu Region noch große Unterschiede bei der Entscheidungsfindung, und noch fehlen wissenschaftliche Studien darüber, ob Familienrichter in Berlin ihre Entscheidungen nach anderen Maßstäben treffen als ihre Kollegen in Bayern. Experten wie Thomas Meysen, Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht, sprechen aber bereits jetzt von einer "Erfolgsgeschichte" im juristischen Umgang mit der Scheidung. Gleichzeitig dient die neue Praxis als Beispiel für die Lernfähigkeit einer Gesellschaft im Angesicht eines Problems, das größer werden wird.

Jede dritte Ehe in Deutschland scheitert offiziell. Partnerwechsel gehören mittlerweile zum bundesrepublikanischen Alltag wie der Wechsel der Wohnung oder des Arbeitsplatzes. 140.000 Kinder verlieren dabei jedes Jahr den Zusammenhalt in ihrer Familie. Hinzu kommt noch die wachsende Zahl von Kindern aus den zerbrochenen Partnerschaften ohne Trauschein. Zwei Drittel der von Trennung betroffenen Kinder sind jünger als sechs Jahre.

Scheiden tut weh, am meisten den Kindern. Ihr Vertrauen in den ewig währenden elterlichen Schutz wird erschüttert. Müssen sie miterleben, wie der Vater oder (deutlich seltener) die Mutter aus der Wohnung auszieht, packt viele die Angst, selbst irgendwann alleingelassen zu werden. Oft geben sich Kinder selbst die Schuld am Zerwürfnis der Erwachsenen. Da drängt sich die Frage auf, welche Spuren ein derart einschneidendes Erlebnis in den Seelen der Betroffenen hinterlässt. Sabine Walper meint, weniger, als man denkt. Die Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München sagt: "Eine Trennung hat für Kinder langfristig weit geringere Auswirkungen als früher angenommen."