DIE ZEIT: Lange Zeit zogen die Kinder nach einer Scheidung zur Mutter, zum Vater kamen sie ein paarmal im Monat zu Besuch. Warum hat hier ein Umdenken eingesetzt?

Hildegund Sünderhauf: Als ich Kind war, haben Mütter die Kinder betreut. Nach der Trennung blieben die Kinder bei der Mutter. Das war folgerichtig. Aber die Rollen haben sich gewandelt: Väter beteiligen sich an der Erziehung, Mütter gehen arbeiten. Warum sollten Eltern heute, wenn sie sich trennen, plötzlich zum überkommenen Muster der Hausfrauen-Ehe zurückkehren?

ZEIT: Die Lösung bringen soll das sogenannte Wechselmodell – die Kinder wohnen abwechselnd bei Mutter und Vater, zu zeitlich etwa gleichen Teilen. Was haben sie davon?

Sünderhauf: Für ein glückliches und stabiles Heranwachsen ist die Bindung zu beiden Eltern fundamental. Anders als im sogenannten Residenzmodell, wo Kinder bei einem Elternteil wohnen und den anderen nur besuchen, können sie im Wechselmodell eine gleich starke Bindung zu beiden Elternteilen entwickeln. Die Kinder zeigen nach der Trennung weniger Depressionen, bessere kognitive Fähigkeiten und mehr Lebenszufriedenheit als Kinder im Residenzmodell. Sie haben sogar oft ein besseres Verhältnis zum Vater als vor der Trennung der Eltern, weil der Vater im Wechselmodell eine aktivere Rolle einnimmt.

ZEIT: Oft ist von quality time die Rede – der Zeit, die Eltern bewusst mit ihren Kindern verbringen. Kann ein intensives Wochenende mit dem Vater denn fünf gestresste Frühstücke aufwiegen?

Sünderhauf: Entscheidend für den Aufbau einer dauerhaften Bindung ist der miteinander gelebte Alltag und nicht das durchgeplante Wochenende voller Erlebnisse. Kinder, die ihre Väter nur in künstlichen Situationen kennen, fühlen sich von diesen häufig nicht richtig verstanden und anerkannt. Wie auch? Das normale Leben spielt sich eben nicht im Kino ab oder im Zoo.

ZEIT: Jede Woche die Wohnung wechseln – das klingt anstrengend.

Sünderhauf: Wenn das Modell gut organisiert ist, bedeutet der Wechsel keinen Umzug, sondern ein Nachhausekommen in die beiden vertrauten Wohnungen von Mutter und Vater. Zweifellos werden Trennungskindern Anpassungsleistungen abverlangt, aber das gilt auch im Residenzmodell.

ZEIT: Zwei Haushalte können sehr verschieden sein, zum Beispiel was die Normen angeht. Ist das nicht verwirrend für Kinder?

Sünderhauf: Kinder sind recht flexibel und anpassungsfähig, das kann man im Alltag beobachten, und das zeigen viele Studien. Auf unterschiedliche Normen und Grenzen treffen Kinder auch, wenn die Eltern zusammenleben, und im Kindergarten und in der Schule gibt es wieder andere Regeln – das ist für Kinder ganz normal.

ZEIT: Für Eltern ist der logistische Aufwand nicht unerheblich. Da müssen Schulsachen gepackt und Absprachen getroffen werden ...

Sünderhauf: Schulsachen müssen jeden Morgen gepackt werden, das findet niemand dramatisch. Und bei Besuchen im Residenzmodell müssen ebenfalls Absprachen getroffen werden. Kommunizieren kann man zum Beispiel per E-Mail oder mit einem Übergabe-Buch, in das man die wichtigen Dinge einträgt. Das alles ist mit Aufwand verbunden. Aber die Mühe ist gerechtfertigt, wenn die Eltern den Bindungsaufbau und das Wohl des Kindes im Blick haben.

ZEIT: Wie weit auseinander dürfen die Eltern wohnen, damit das Modell funktionieren kann?

Sünderhauf: Schulpflichtige Kinder müssen ihre Schulen von beiden Elternhäusern aus erreichen können. Bei kleineren Kindern ist es optimal, wenn das Kind von beiden Eltern aus Zugang zu seiner Kita, zum Spielplatz und zu Freunden hat. In den ersten drei Lebensjahren allerdings ist der Bindungsaufbau zu den Eltern wichtiger als der Kontakt zu Gleichaltrigen. Da wäre ein Wechselmodell auch über größere Entfernungen möglich.