Als Carsten Schmidt sich zum Kampf ums Kind rüstete, machte er sich auf einiges gefasst. Im Internet hatte er sich auf einschlägigen Väter-Seiten informiert. Was er dort lesen musste, stimmte den 35-Jährigen wenig hoffnungsfroh. Da klagten Väter, die Kindsmutter verweigere ihnen seit Jahren trickreich den Zugang zum Kind. Und andere beschrieben, wie ihnen beim Gericht und im Jugendamt eine Frauenfront alle Rechte streitig machte. Ein unverheirateter Mann wie ich kann kaum auf Gerechtigkeit hoffen, dachte Schmidt bei der Lektüre.

Und tatsächlich trat die Staatsgewalt dem Vater Schmidt in geballter weiblicher Erscheinungsform gegenüber. Ob Richter oder Sozialarbeiter, Gutachter oder Verfahrensbeistände: Alle mit seinem Fall befassten Amtspersonen waren Frauen. Doch Schmidt wurde überrascht. "Fair und objektiv" sei das Verfahren gelaufen und "stets am Interesse meiner Tochter orientiert", lobt er. Dass ein Vater fürs Kind ebenso wichtig ist wie eine Mutter, sei unaufhörlich betont worden. Und: "Am Ende habe ich viel mehr erreicht, als ich mir ausgerechnet hatte."

Rechtlich sind Väter den Müttern inzwischen (fast) völlig gleichgestellt. Nach 95 Prozent der Scheidungen bestimmen Mutter und Vater zusammen, ob das Kind getauft wird oder nicht, welche Schule es besucht und wo es wohnt. Dieses gemeinsame Sorgerecht beider Elternteile gilt seit vergangenem Jahr auch für unverheiratete Paare. Nur noch in begründeten Ausnahmefällen (etwa bei "Kindeswohlgefährdung") kann eine Mutter bis kurz nach der Geburt des Kindes Einspruch gegen den Wunsch des Vaters erheben, die Geschicke von Sohn oder Tochter mitzubestimmen. Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, ziehen zwar noch immer meist die Väter den Kürzeren – in zwei Drittel der Konfliktfälle erhalten dann die Mütter das Sorgerecht. Doch auch Justitia erkennt, dass sich das Selbstverständnis vieler Väter wandelt. Da gleichzeitig immer mehr Frauen Vollzeit arbeiten, verliert das Argument, sie könnten sich als Mutter besser um den Nachwuchs kümmern, vor Gericht an Gewicht.

Die Rollenangleichung nährt auf der Seite der Väter neue Ansprüche. Auch nach dem Bruch mit der Frau wollen sie Pflaster kleben, beim Abendbrot Heldengeschichten aus Fußballverein oder Ballettunterricht hören oder Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Dafür sind gerade jüngere Männer heute bereit, auf Einkommen oder Karriere zu verzichten. "Ich treffe fast jede Woche auf in Trennung lebende Väter, die ihre Arbeitszeit reduziert haben, um sich intensiver um ihre Kinder zu kümmern", sagt Marcus Borgolte.

Jeden Donnerstag hat der Rechtsanwalt Sprechstunde im Papaladen, einer Berliner Einrichtung für Väter. Dort klärt er Männer mit Kindern über ihre Rechte und Pflichten nach Scheidung oder Trennung auf. Häufig vertritt Borgolte diese Väter auch vor Gericht. Als Opfervertreter sieht er sich nicht. Denn: "Väter haben vor Gericht oder beim Jugendamt nach meiner Erfahrung nicht prinzipiell schlechtere Karten als Mütter."

In jüngster Zeit häuften sich an ihrer Kammer Fälle, in denen Väter Recht bekämen, sagt Isabell Götz, Richterin am Münchner Oberlandesgericht und Sprecherin des Deutschen Familiengerichtstags. Auch sei es nicht mehr ungewöhnlich, dass Kinder ihre Mütter auf Unterhalt verklagen – was nur geht, wenn der Lebensmittelpunkt beim Vater ist. Noch ist diese Konstellation die Ausnahme. Doch selbst wenn das Kind den Wohnsitz bei der Mutter hat, sorgen immer mehr Gerichte dafür, dass sich der Kontakt zum Vater nicht auf wenige Besuche beschränkt, sondern wechselnde Zeitkontingente eingeplant werden. Urlaubs- und Feiertage werden gleichberechtigt verteilt.

Wenn nötig, wachen Jugendämter und Gerichte über die Einhaltung der Verabredungen. So musste Carsten Schmidt feststellen, dass seine Expartnerin ihren Urlaub mit Kind immer auf jene Wochenenden legte, die ihm gehörten. Auf seine Beschwerde hin ordnete das Gericht an, dass die Vaterzeit in jedem einzelnen Fall nachzuholen sei. Allerdings warnt der Berliner Anwalt Borgolte seine Mandanten davor, ihre Rechte nur stur in Betreuungszeit umzurechnen. Es kommt vor, dass der Jurist, der auch als Mediator wirkt, einem Vater sagt: "Ihr Kind hat nichts davon, wenn wir wegen einer Stunde einen neuen Streit anzetteln."

Im Kampf der Geschlechter um den Nachwuchs stehen die Zeichen auf Entspannung. Nichts symbolisiert das besser als folgendes Detail. Der Verein Väteraufbruch ist ein Zusammenschluss getrennter Männer mit Kindern gegen ihre Diskriminierung. Jahrelang pflegte der Verein mit kämpferischen Sprüchen das Feindbild der bösen Mutter (Slogan: "Die einzige Verbindung, die viele Mütter akzeptieren, ist die Bankverbindung"). Mittlerweile hat er erkannt, dass es auch bösartige Väter gibt und friedfertige Frauen, die vom Expartner aus dem Leben ihrer Kinder gedrängt werden. Seit einiger Zeit nimmt die Initiative nun auch Frauen auf – und erste Regionalgruppen des Väteraufbruchs werden von Müttern geleitet.