Nun hatte auch der Kanton Solothurn das Jammern über das fehlende Pflegepersonal satt. Er verordnete seinen Spitälern, Altersheimen und Spitex-Diensten: Wer weiter mit uns Geschäfte machen will, der muss seinen Nachwuchs selber ausbilden, er muss Lehrstellen für Pflegefachkräfte schaffen. Kommt ein Betrieb bis 2016 seiner Ausbildungspflicht nicht nach, wird er bestraft. Wer mehr Lehrstellen anbietet, als vom Kanton verlangt, kriegt einen Bonus. So steht es in einem neuen Paragrafen im Spitalgesetz.

Solothurn macht, was seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative der SVP von links bis rechts gefordert wird:

Der Kanton erklärt die Nachwuchsförderung zur Staatssache. Er versucht damit die Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften zu verringern. Ähnliche Bestrebungen gibt es in Zürich, Aargau, Basel, Luzern und Bern.

Aber reicht das, um in Zukunft die kranken und alten Solothurnerinnen und Solothurner zu pflegen? Und könnte das, was im Gesundheitswesen erprobt wird, Vorbild sein für andere Branchen, die ebenso stark auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind? Oder entsteht da bloß ein neuer, großer Bürokratieapparat, der nichts bringt, außer viel Aufwand für alle Beteiligten?

Niemand kennt sich in der Schweiz besser aus mit diesem Thema als Danny Heilbronn. Er ist bei der Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektion verantwortlich für Bildungsfragen. Für ihn ist klar: "Es kann keine gesundheitspolitische Strategie sein, einen immer größeren Teil des Personals aus dem Ausland zu holen." Seit zwei Jahren gilt in Bern darum für 14 Gesundheitsberufe eine Ausbildungspflicht.

Der Kanton Bern investiert jährlich 20 Millionen in seinen Nachwuchs

Unter den Spitaldirektoren, Pflegheimleiterinnen und Spitex-Vorständen ist der Ausbildungszwang unbestritten. Bereits heute erfüllen 80 Prozent der Institutionen die Vorgaben, die sie vom Kanton erhalten. Anfangs habe der Systemwechsel noch für "rote Köpfe" gesorgt, sagt Heilbronn. Heute aber kusche kein Spital, foutiere sich niemand um die Regelung. Für alle sei klar: "Die Ausbildung von nichtuniversitärem Pflegepersonal ist keine nette Nebenbeschäftigung, um die sich kümmert, wer Lust dazu hat, sondern eine fundamentale Aufgabe der Gesundheitsversorgung."

So investiert der Kanton Bern nicht nur in moderne Bettenhäuser und medizinische Apparaturen, sondern auch in die Ausbildung seines Personals. Und zwar gut 20 Millionen Franken pro Jahr.

Anders als in vielen anderen Kantonen setzt das Berner Modell nicht auf Freiwilligkeit. Wer nicht mitmacht, wird mit happigen Bußen bestraft. Die geschuldete Ausbildungszeit wird dabei in Geld umgemünzt und mit dem Faktor drei multipliziert. Ein Spital, das für 100.000 Franken zu wenig ausbildet, würde also mit 300.000 Franken bestraft.

Das Berner Modell genießt weitum hohes Ansehen. Auch die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren und -direktorinnen empfiehlt, die Ausbildung in den Spitälern, Heimen und Spitex-Diensten staatlich zu lenken. Das neue System lässt nämlich kein Trittbrettfahren mehr zu. Institutionen, die früher die für teures Geld ausgebildeten Lehrabgänger bei der Konkurrenz abfischten oder ihr Personal gleich im Ausland rekrutierten, müssen nun auch ihren Teil für die Nachwuchsförderung leisten.