Die vorherrschende Meinung, dass sich junge Leute nicht für Politik interessieren, ist meines Erachtens falsch. Warum?

Vor einigen Wochen trafen sich 200 junge Schweizer Liberale während zweier Tage in Lugano zu ihrer Jahresversammlung. Unter anderem haben sie beschlossen, die eidgenössische Volksinitiative "Radio und Fernsehen ohne Billag" zu unterstützen. Als Referent trat Roger Köppel vor die Jungspunde. Er sprach über Liberalismus und die Rolle des Staates in unserer Gesellschaft. Ich bezweifle, ob die alte Garde der Partei denselben Beschluss gefasst und denselben Redner geladen hätte.

Ebenfalls sehr aktiv und unabhängig von der Mutterpartei sind die Jusos. Sie haben das antikapitalistische Parteiprogramm der SP stark beeinflusst und lancieren heiß debattierte Vorlagen wie die 1 : 12-Initiative. Ja, sie haben sogar eine eigene Summer School im Wallis, wo sie ihre Kader schmieden. So geben die Jusos dem SP-Parteipräsidenten Christian Levrat, dem begabtesten aller Parteichefs in der Schweiz, mächtig zu tun; Levrat war selber erst 30-jährig, als er das Präsidium übernahm. Auch die Junge CVP der Schweiz hecken ihre eigenen Ideen aus. Sie hat die Berührungsängste gegenüber den anderen bürgerlichen Parteien, unter denen ihr Mutterschiff leidet, über Bord geworfen und sich mit den Jungfreisinnigen und der Jungen SVP zusammengetan, um gegen die Rentenreform 2020 zu kämpfen. Die sei mutlos und ändere nichts an den grundsätzlichen Schwächen des heutigen Systems. Damit grenzen sich die jungen CVPler klar von ihrem schlingernden Parteipräsidenten ab, der alle zwei Wochen einen neuen Vorschlag lanciert, um Allianzen für die Bildung einer diffusen politischen Mitte zu schließen.

Aber das sind noch längst nicht alle Beispiele, die das Bild von den unpolitischen Jungen widerlegen. Selbst die Junge SVP tanzt ihren Parteioberen manchmal auf der Nase herum. Im Nationalrat sitzen bereits 20 Parlamentarier und Parlamentarierinnen, die noch keine 35 Jahre alt sind. Im Tessin wird die Kommunistische Partei von einem halben Dutzend Zwanzig- und Dreißigjährigen angeführt. Und hört man ihnen zu, so stellt man fest: Trotz ihres jungen Alters haben sie sich Zeit genommen, um brav und fleißig ihre marxistischen Texte zu studieren.

Apropos Sprache und Lektüre: Der Schweizer Monat, ein liberales Autorenmagazin für Politik, Wirtschaft und Kultur, wurde vor drei Jahren von René Scheu übernommen, einem heute 39-jährigen Philosophen, der als Unternehmer, Herausgeber und Chefredaktor ein entsprechendes Risiko einging. Das Durchschnittsalter des kleinen Redaktionsteams beträgt 31 Jahre. Die Beiträge sind von einer beeindruckenden Qualität und Originalität. Einige Autoren liest man in der Schweiz exklusiv im Monat. (Übrigens ist auch der Leiter der Schweiz-Seiten der ZEIT erst 34. Und, wie ich hoffe, für einmal mit dem Inhalt meiner Kolumne einverstanden.)

Ennet unserer Landesgrenzen tut sich ebenfalls etwas: Mitte März haben sich 600 liberale europäische Studenten in Berlin zur 2014 European Students For Liberty Conference versammelt. Ich höre zudem, dass die verschiedenen Studentenverbindungen in der Schweiz ein Revival erfahren.

Kurzum: Zwar stellen wir mit Besorgnis fest, dass es in unseren Städten einige Tausend junge Leute gibt, die nie gearbeitet haben, die vielleicht für eine seriöse Arbeit untauglich sind und die von staatlicher Unterstützung leben. Das ist eine Situation, die uns in Erinnerung ruft, wie wichtig gute Erziehung und strenge Behörden sind.

Aber es ist falsch, deswegen gleich die ganze Jugend unseres Landes zu verunglimpfen. Ich habe den Eindruck, dass zurzeit unter den Jungen eine neue politische Klasse entsteht. Es sind junge Leute, die das Land gestalten wollen. Und sollten sie später, wie alle Politiker, nicht nur älter, sondern auch pragmatischer werden, agieren sie auf dem Fundament einer politischen Kultur.