DIE ZEIT: Herr Acklin, vor vier Jahren sprachen Sie das letzte Mal mit uns. Damals sagten Sie: "Die alten Säcke wie ich haben nicht mehr die Deutungshoheit." Sie haben sich geirrt.

Jürg Acklin: Ich habe mich gewaltig geirrt. Auch wenn man die Fehlinformation der Vox-Umfrage beiseitelässt, bleibt doch, dass die Jungen bei einer so wichtigen Abstimmung wie der über die Masseneinwanderungsinitiative noch weniger an die Urne gehen als die Älteren.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Acklin: Es gibt eine Politikverdrossenheit nicht nur, aber vor allem bei den Jungen. Sie haben das Gefühl, sie könnten sowieso nichts ändern. Egal ob sie abstimmen gehen oder nicht. Gleichzeitig finden sie, die Politiker verwalten unseren Staat nicht so schlecht. Sie bewegen sich in einer seltsamen Trance. In meiner Kindheit in den fünfziger Jahren war das Abstimmen noch ein heiliger Akt. Ich durfte mit meinem Vater ins Stimmlokal und erlebte nicht nur seine Pflicht, sondern auch seinen Stolz, als Staatsbürger abstimmen zu dürfen.

ZEIT: Nun, uns Jüngeren wurde seit der Kindheit eingebläut: Ihr müsst auf euch schauen, das Individuum ist am wichtigsten, nicht die Gemeinschaft. Wir tun wie uns befohlen.

Acklin: Völlig einverstanden. Selbst an den Universitäten muss jeder Student heute eine Ich-AG sein. Vor allem Punkte sammeln, sei es in einem Seminar über Hölderlins Hyperion oder über den Schweizerischen Bundesstaat. Das ist eine Individualisierung, die paradoxerweise in der totalen Normierung endet.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Acklin: Die Autonomie des Einzelnen ist eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Sie braucht den mündigen, ambivalenztoleranten Bürger. Im Moment, da wir alle nur noch Krakeeler sind, die, wie Fußballfans ihre Mannschaften, unsere politischen Lager anfeuern, droht die ganze Chose bachab zu gehen, wird der Biotop des Citoyens zerstört.

ZEIT: Das sind düstere Aussichten.

Acklin: Ich bin Jahrgang 1945, am 20. Februar geboren, also noch im Krieg. Für die junge Generation ist Frieden eine Selbstverständlichkeit. Heute haben wir vergessen, was das heißt: Krieg. Wer in der Schweiz in gewissen Kreisen vom Friedensprojekt Europa spricht, der wird nur noch verhöhnt. Und gleichzeitig wird über Krieg dumm geschwafelt, man kann ihn auch herbeireden! Wir tragen zu wenig Sorge für unsere gewaltigen kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften.

ZEIT: Wer Sorge trägt, der bewahrt etwas, er ist also immer konservativ.

Acklin: Wir alle haben eine Sehnsucht nach Werten. Die Postmoderne hat sich überlebt, weil sie sich selber totalisiert hat – der Relativismus hat sich verselbstständigt. Die Gefahr besteht, dass man retroromantisch reagiert. Die Nationalkonservativen wünschen sich für die Zukunft eine Welt von früher, die es auch damals gar nie gab.