Wer hatte eigentlich die Schnapsidee, Musik zu digitalisieren? Selbst mein 70-jähriger Vater schafft es heute problemlos, den Sound eines YouTube-Clips als Song auf seinen PC zu ziehen. Das habe ich als Musiker nun davon: Zehn Minuten nachdem meine neue EP in den Onlineshops zum Verkauf bereitsteht, kann man sie auf einem russischen Portal gratis runterladen. Tausende werden happy sein, dass sie für gute Musik nichts bezahlen müssen. Außer mir. Ich muss also meine Taktik anpassen, will ich trotzdem mit meiner Musik Geld verdienen. Denn die Songs kosten, nicht nur Kreativität und Hingabe, sondern auch harte Franken. Ich muss ein Studio mieten, Techniker, Material und Musiker bezahlen. Ich kann es mir also nicht leisten, gegen die Russen zu verlieren.

Aber wie sieht meine Taktik aus?

Ich erinnere mich an meine erste Tour. Solo als unbekannter Support-Act im Vorprogramm des großen Van Morrison. Kurzer Soundcheck, ein bisschen Licht und im Schnitt 4.000 Menschen, die mich, den Schweizer, erduldeten, bis endlich der Ire kam, für den sie Eintritt bezahlt hatten. Ich bekam zwar keine Gage, schlief aber gratis im Fünf-Sterne-Hotel. Von da an wusste ich, was ich will: Luxusbleiben und eine zünftige Gage. Stattdessen folgten: Lektionen in Demut. Ich musste auf Ochsentour. Also spielte ich in kleinen Clubs, übernachtete im Schlafsack auf dem Küchenboden des Veranstalters und verkaufte nach den Konzerten meine selbstgebrannten CDs, um Verpflegung und Reisespesen wieder reinzuholen.

Irland war besonders lehrreich. Auf der ersten Tour war nicht einmal das Essen nach dem Auftritt in der Gage inbegriffen. Ein Jahr später gab es im selben Pub immerhin 50 Prozent Rabatt. Beim dritten Mal bekam ich, was ich wollte: Die Verpflegung war gratis, und statt 1.000 Franken Verlust schauten am Ende der Woche 1.800 Franken Gewinn heraus. Drei Anläufe, drei Tourneen brauchte ich für diesen persönlichen Triumph. Wer um Ruhm, Ehre und Aufmerksamkeit nicht kämpfen mag, sollte früh genug seine Musikkarriere ad acta legen.

Weshalb ich mir das alles antue?

Vielleicht muss man diesen Weg gehen, wenn man von den Sternen träumt. Schon mein Großvater sagte, dass man für sein Geld hart arbeiten muss. Er war Schlosser im Gaswerk Basel und hatte mit seinen Ratschlägen natürlich immer recht.

Nur wenn ich einen guten Gig spiele, nach dem Konzert CDs signiere und mich mit meinem Publikum unterhalte, kommen diese Menschen wieder einmal an ein Konzert von mir. Sie teilen meine Videos auf Facebook oder laden die neue EP im iTunes-Store runter. Und bezahlen auch dafür. Als Musiker erspiele ich mir nicht nur mein Publikum, sondern auch dessen Verbundenheit.

Und irgendwann zahlt sich das aus. 2012 war ich auf der Suche nach einem Studio, um neue Songs aufzunehmen. Matt, der Tontechniker von Art Garfunkel, gab mir den Tipp: "Ruf in den New Yorker Jungle City Studios an. Sie gehören Alicia Keys." Also rief ich an, sagte dem Studiomanager am anderen Ende der Leitung, dass mein Budget sehr bescheiden sei ("It’s rather no-budget than low-budget"), ich ihm aber trotzdem einige Songskizzen mailen würde. Nach zwei Tagen rief er zurück und fragte, wann ich kommen könne.

Wer im Studio von Alicia Keys Songs aufnimmt, heißt in der Regel nicht Christoph Baumgartner, sondern Madonna, Beyoncé, Jay-Z oder Depeche Mode. Und ich hatte kaum Zeit, das Geld zusammenzubringen. Also tat ich, was ein Musiker immer wieder tun muss – ich trieb mein Budget auf. Freunde und Bekannte streckten mir mehrere Zehntausend Franken vor. Zinslose Darlehen. Eine Woche später stand ich, Baum, in einem der besten Studios der Welt. An den Wänden Tapeten von Louis Vuitton. Der Tontechniker saß an einem seltenen EMI-Röhrenmischpult aus den legendären Abbey Road Studios, im Nebenraum arbeitete Kanye West.

Ich, der Basler Singer-Songwriter, der jeden Franken zweimal umdrehen muss, Tür an Tür mit einem Popmultimillionär.

Nach dem Monat in den Jungle City Studios waren die Songs zwar aufgenommen, aber noch nicht abgemischt. Also rief ich Kollege Kaspar an und fragte ihn, ob er jemanden kenne, der mir mit dem Mix helfen könne. So lernte ich den Produzenten Tim Leitner kennen. Sein CV liest sich wie das Who is who der Musikindustrie: Bruce Springsteen, Paul Simon, Cyndi Lauper. Für alle drehte er an den Reglern. Zwei Wochen später saßen wir zusammen in den Bar1-Studios in New York. Nach fünf Monaten war alles im Kasten. Tim schaute mich an und sagte: "Das ist das beste Album, das ich je gemacht habe."

Wie aber sorge ich dafür, dass mein Album gehört wird? Die Strategie, die ich in den USA entdeckt habe, nennt sich Prinzip des permanenten Outputs. Oder Salamitaktik. Scheibchen für Scheibchen teile ich mein Werk mit der Welt. Aus den bestehenden und neuen Songs mache ich mehrere EPs mit vier bis fünf Tracks, die ich im Abstand von drei bis vier Monaten veröffentliche. Die erste heißt We Thought That This Was Forever.

Mein Ziel ist eine Art Perpetuum mobile. Wie erzählte mir vor zwanzig Jahren der Chef einer großen Plattenfirma? "Die Schweiz ist das demokratischste Land der Welt, hier kann jeder ungestraft Platten machen." Meine Musik aber soll herausstechen. Besser sein. Und meine Rechnungen bezahlen. Ich habe gelernt, nicht nur Musiker, sondern auch Unternehmer zu sein. Als Christoph Baumgartner muss ich wissen, was Baum ist und wie man Baum verkauft. Also suche ich mir zusätzliche Einnahmequellen. Zum Beispiel das Fernsehen. Sieben meiner Songs liefen in der US-Doku-Serie Take A Seat: Egypt. Es ist ein Anfang. Einer meiner Freunde in New York erhielt eine Million US-Dollar für einen Song in einem Universal-Film. Das will ich auch. Ich will gegen die Download-Russen gewinnen.

Verkaufe ich damit meine Seele? Quatsch! Ich erkämpfe mir meine Freiheit – und die kriegt man nicht umsonst. Man muss sie sich verdienen.