Akipenda, chongo huita kengeza – Liebe macht blind (afrikanische Weisheit in Swahili)

Immer nachmittags, wenn die Tropensonne über der Küste Kenias an Kraft verliert, gleitet Birgit Neuhaus* in den lauwarmen Pool der African Dream Cottages. In einem rosafarbenen Badeanzug lässt sie sich auf dem Rücken durch das Wasser treiben: eine rundliche Frau Mitte 50, deren Haut gerötet ist von drei Wochen in Diani Beach. Manchmal taucht sie ab, so wie früher als Kind, und versucht mit ihren Händen Halt zu finden auf dem Grund, ihre Beine baumeln dann für einen Moment über der Wasseroberfläche, und wenn sie wieder auftaucht, streicht sie sich lachend die nassen, blond gefärbten Strähnen aus dem Gesicht.

Wenig später döst sie auf einer Plastikliege am Rand des Pools. Sie trägt lilafarbene Kunstnägel, an ihrem Hals glitzert ein Kettenanhänger mit dem Umriss von Afrika. Vor dem Urlaub hat sie mit dem Programm von Weight Watchers zehn Kilo abgenommen. Zwei hat sie schon wieder drauf, aber "den Sam", sagt sie, "stört das nicht im Geringsten. Der sagt immer: Lang zu!"

Als Sam mit wiegenden Schritten aus dem Bungalow tritt, in dem sich Birgit mit ihm eingemietet hat, trägt er einen Rucksack über der Schulter, darin ein paar Kleidungsstücke, die er zur Wäscherei bringen soll. Sam ist Mitte 30, 20 Jahre jünger als sie, ein gut aussehender Kenianer vom Stamm der Giriama mit langen Rastalocken und entspanntem Lächeln.

Er setzt sich zu ihr auf die Liege,

"Okay, honey", sagt er. "I go now."

"When you be back?"

"Don’t worry, honey. I’ll be back for Abendbrot."

Sam nimmt ihre Hand und drückt ihr einen Kuss auf den Mund. Als er geht, schaut ihm Birgit lange nach.

"Ich steh auf Langhaardackel", murmelt sie. Die langen Zöpfe, die schlanken Hüften. In seinen Ohren funkeln zwei kleine Brillanten, an seinem schwarzen Handgelenk leuchtet eine schwere silberne Uhr.

"Aber Wäsche wegbringen muss schon sein", sagt sie, "für nix gibt’s nix."

Aus einem der Bungalows dringt der Schlager Anita von Costa Cordalis. Vom Indischen Ozean her rauscht der Wind leise durch die Palmen, und Birgits Alltag ist weit weg in diesem Augenblick, ihr Chefsekretärinnen-Schreibtisch in einer grauen Münchner Behörde, an dem sie seit mehr als 30 Jahren sitzt, ihre 18-jährige Tochter, die immer das Thema wechselt, wenn sie über Diani Beach spricht, ihre Mutter, die immer sagt: "Mach, was du willst, Hauptsache, du bringst uns keinen dieser Rastas mit nach Hause."

Reiseprospekte preisen Diani Beach als schönsten Strand Ostafrikas. Ein Sehnsuchtsort, an dem das Meer türkis ist und der Sand fast weiß. Wie Muscheln an einer Kette reihen sich die Hotels mit ihren All-inclusive-Angeboten aneinander.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Birgit zum ersten Mal Kenia buchte, und sie erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen. So viele Eindrücke, die nicht zusammenpassten: der Bus, der sie in Mombasa vom Flughafen abholte und sie durch die Slums der Randbezirke fuhr. Menschen, die zwischen Müllbergen Gekochtes feilboten. Dann der Begrüßungscocktail, das Himmelbett aus Tropenholz. All die bewaffneten Wachtposten, die die Zugänge zum Hotel sicherten, als wäre es eine Festung.

Als Birgit sich nach Tagen das erste Mal auf die Straße traute, war sie umzingelt von Einheimischen, die versuchten, sie in ihre Verkaufsbuden voller Schnitzwerk zu locken. Beachboys stählten am Strand ihre Muskeln mit selbst gebauten Hanteln, junge, schweißglänzende Kerle, unter deren engen Hosen sich die Umrisse ihrer Genitalien abzeichneten.

"Looki looki is free, mama!", riefen sie herüber. Sie suchten ihre Aufmerksamkeit. Lachende Gesichter, weiße Zähne.

"You are beautiful", sagten sie.

"Where are you from?"

"We talk, darling?"

Sie wichen nicht von ihrer Seite. Es war einschüchternd und fremd, aber im gleichen Augenblick war sie dem Reiz ihrer Entschlossenheit erlegen. Birgit, die zu Hause immer unsichtbar schien, stand plötzlich im Mittelpunkt. In Deutschland war sie eine unter vielen, in Kenia eine umschwärmte Königin.

Toni hieß der Erste, mit dem sie mitging. Seitdem ist sie dieser Küste verfallen, wie Tausende weißer Frauen, die in Diani Beach dem längst verlorenen Gefühl ihrer Jugend nachspüren: Über 50 sind sie, nicht selten über 60, die meisten korpulent. In Europa sind sie Ausgemusterte, in Diani Beach können sie an einem Abend unter Dutzenden attraktiver Männer wählen. Kenia ist für sie ein Versprechen wie für Männer das thailändische Pattaya. Doch anders als die Männer suchen sie nicht nur schnellen Sex. Sie suchen Liebe, und das macht die Dinge kompliziert.