Natürlich muss sich der Mensch auch mal ausruhen. Man kann nicht ununterbrochen auf dem Gipfelkamm unterwegs sein, erst einen Roman über den Philosophen Blumenberg mitsamt Recherche und theologischem Gepäck, dann einen über Dante, diesen literarischen Meister aller Klassen, das ist dann doch a bissle arg viel. Da braucht der Mensch ein Intermezzo, ein Interludium, etwas, das sich sozusagen mit der linken Hand schreiben lässt.

So ungefähr mag Sibylle Lewitscharoff gedacht haben, als sie sich entschloss, es vor der ernsthaften Arbeit an ihrem angekündigten Dante-Roman zur Abwechslung einmal mit einem Krimi zu versuchen. Und tatsächlich teilt sich dem Leser von Killmousky gleich auf den ersten Seiten eine überaus behagliche Ausruhstimmung mit. Wie in gut eingesessenen englischen Clubsesseln lässt man sich in diesem kleinen Roman nieder, freut sich, dass Lewitscharoff, die bisher eher hochtourig schrieb, auch sehr gut niedertourig schreiben kann, freut sich, wenn auch nur halb, an dem leider etwas schmunzelhaften Scherzchen, das die Autorin mit sich selber treibt: Nach dem Löwen in Blumenberg hat nun ein Kater gleich zu Anfang seinen Auftritt.

Aber man geht doch gern seine Wegstrecke mit dem bayerisch gutmütigen Kriminalhauptkommissar Richard Ellwanger, der im Alter von siebenundfünfzig Jahren den Dienst quittieren musste, weil er einem Verdächtigen Prügel und Folter angedroht hatte; der Fall Gäfgen lässt grüßen.

Im Ruhestand lässt er’s nun eher gemütlich angehen. Immerhin wird er uns als "Verhör-As" vorgestellt, da wird der Denksportler im Krimileser sicher bald auf seine Rechnung kommen. Erst mal geht’s aber nach New York, ins alte Geld vornehmer, butlerreicher Kreise. Eine Freundin hat Ellwanger vermittelt, er soll herausfinden, ob nicht der Schwiegersohn die voller Schlaftabletten vom Balkon gefallene Tochter ermordet hat und ob der nicht gar ein Hochstapler ist.

Zum behaglichen Erzählen ist nun begleymäßig geschilderter Luxus getreten. Baudelaires schöne Zeile "Luxe, calme et volupté" geht einem durch den Sinn, nicht ohne den Nebengedanken, dass neben Behaglichkeit und Luxus diesem Roman auch etwas Drittes langsam guttäte.

Es vergehen dann aber nochmals fünfzig Seiten fruchtlosen Ermittelns, bis auch die volupté ihren Auftritt hat. In einer vielversprechenden Handlungsvolte reißt die oberattraktive Schwester der mutmaßlich Ermordeten unseren Ermittler ins Bett. Lewitscharoff erspart uns die Sexszene, obwohl doch auch die nicht künstliche Reproduktion einmal die Leidenschaft dieser Autorin verdient hätte. Leider macht sie auch sonst nichts aus dieser Peripetie. Ratlos stapft Ellwanger ermittelnd durch Schneelandschaften in Amerika und Europa, und es beschleicht uns langsam der Gedanke, dass Lewitscharoff alles so gemütlich vor sich gehen lässt, weil sie selber nicht recht weiß, was sie will. Verständlich, dass gegen Ende des Büchleins auch dem Täter der Geduldsfaden reißt. Er lädt den Fahnder zu sich zum Dinner, gesteht ihm alles und will ihn zur eigenen Sicherheit gerade töten, als die Oberattraktive ins Zimmer tritt und den Täter umstandslos totschießt. Deus ex Machina als Romanschluss-Trick. Nach einiger Spurenverwischung und kommunikativen Aufräumarbeiten ist Ellwanger wieder im Bayerischen bei Katz und Haus.

Man kann’s, darf man bilanzieren, mit dem Ausruhen auch übertreiben. Eine Prise Spannung, eine Prise Denksport und die eine oder andere memorable Figur braucht ein Krimi schon. Ein noch so soignierter Erzählton alleine tut’s nicht. So bleibt als einzige aufregende Neuigkeit aus diesem Buch nur, wie passend, die Nullmeldung, dass sich von den strittigen Ansichten Sibylle Lewitscharoffs zur Reproduktionsmedizin hier noch nicht mal Spurenelemente finden.