Es war schon spät, ein langer Probentag in der Berliner Staatsoper, als Elfriede Jelinek und Richard Wagner mal wieder aufeinanderknallten. Die Schauspieler waren unzufrieden, sie kamen nicht richtig rein in ihre Szenen. Zu viel drehte sich um den Opernapparat, zu wenig um das Spiel. Dabei war das Staatsorchester, knapp hundert Leute, gar nicht da. Es war Klavierprobe an dem Tag.

So war es schon die ganze Zeit gewesen mit dem Schauspiel und der Oper: Sie kommen nur schwer zueinander. Dann redeten die Schauspieler und redeten an diesem Abend, wie das bei Jelinek ist, "Papa kann die Schulden nicht zurückzahlen", der Pianist setzte ein, Vorspiel dritter Akt, Siegfried. Und da passierte es. Nicolas Stemann sprang auf, lief auf die Bühne, schnappte sich ein paar Partituren und gab sie den Schauspielern in die Hand. "Wir sind auf einer Party", rief er, "Drogenparty, und der Stoff ist die Musik, die Wagner-Musik. Und die drücken wir uns jetzt."

So liefen sie über die Bühne, drückten Noten, Stemann spielte mit, und der Pianist spielte Wagner. "Ja, ja!" Es ist ein wenig kindisch, und es ist ein typischer Stemann-Moment. Die Lähmung durch den Betrieb wird produktiv, Musik und Theater beginnen miteinander zu sprechen, Wagner infiziert Jelinek, so wie sie Wagner infiziert hat.

Die Szene entsteht aus der Spannung zwischen schwerfälligem Opernapparat und spontanem Schauspiel. Die gleiche Spannung bindet Stemann an Jelinek. "Alleine", sagt er über ihre Texte, "kann ich das nur schwer lesen. Verständlich wird es für mich erst, wenn ich es mir von Schauspielern vorsprechen lasse." Er schimpft auf die Autorin: "Das ist abwechselnd viel zu kompliziert oder unterkomplex." Dann fällt er sich selbst ins Wort: "Nein, diese Texte sind Energiefelder, damit kann ich alles inszenieren, was ich will. Letztlich sind sie immer stärker als ich."

Wer Stemann trifft, trifft Jelinek. Wenigstens zurzeit: In der Berliner Staatsoper hat er gerade ihren Bühnenessay Rein Gold mit Wagners Ring-Musik inszeniert. Für sein Athener Gastspiel ihres Stücks Kontrakte des Kaufmanns hat sie einen neuen Text geschrieben. Für das Festival Theater der Welt probt er jetzt gerade Jelineks Schutzbefohlene. Dabei schien es bis vor Kurzem, als sei es vorbei mit Jelinek und Stemann.

Das kam so: Nachdem er das erste Mal Jelinek inszeniert hatte, 2003 am Wiener Burgtheater, machte Stemann, heute 45 Jahre alt, ein Stück von ihr nach dem anderen. Die beiden wurden sozusagen das Traumpaar des intellektuell-gesellschaftskritischen Theaters. Er schuf den Jelinek-Ton, trotz großer Vorgänger, trotz Castorf, Wieler und Schleef. Es ist fast unmöglich, heute Jelinek zu lesen, ohne Stemann zu hören. Wer einmal den singenden, sich emportürmenden Ton Stemannscher Jelinek-Spieler gehört hat, überträgt ihn beim Lesen auf das Geschriebene. Stemann hat das Kommunikative in diesen monomanischen Texten entdeckt. Und er hat herausgefunden, dass man Schiller (Die Räuber) oder Goethe (Faust) sprechen kann, als wären es Texte von Jelinek.

Dann war er bei einer Jelinek-Inszenierung selbst auf die Bühne gegangen, hatte das Theater ablaufen lassen, als sei es ein tropfender Wasserhahn, einfach eine Szene nach der anderen. Er hatte das Theater geöffnet, jeder konnte kommen und gehen. So hatte er, vielleicht ohne zu merken, was er tat, das Inszenieren aufgegeben. Das war bei Die Kontrakte des Kaufmanns, 2009 in Köln, Jelineks erstem Finanzkrisenkommentar.

Danach wollte er sich neu erfinden. Er machte Abende in Wien, Berlin, Köln und Hamburg, wo zunächst gar nichts vorgegeben war, wo er und ein paar Schauspieler und Musiker improvisierten und sich ab und an langweilten. Das Publikum langweilte sich auch. "Es waren Versuche, dem Theater zu entkommen", sagt er heute. "Was kann Theater sein außer Theater?" Stemann wollte Textvorgabe und Theaterrahmen hinter sich lassen. Es ging ums Ausprobieren, um Freiheit, um eine eigenständige Form, die ohne fremde Textvorlage auskommt. Das war nach den großen Arbeiten, Räuber, Kontrakte oder Faust, verständlich. "Es sollte frei sein. Wir haben Konzerte gespielt und Installationen gemacht. Irgendwann wurde aber klar: Man kann Theater nicht beliebig umrahmen. Wer ins Theater geht, will Theater sehen."

Das hat ihn wieder zu Jelinek gebracht: "Ich war beim Inszenieren eigener Texte passiver. Offensichtlich brauche ich einen Gegner." Und dafür ist niemand so gut geeignet wie Jelinek. Wobei sich "Gegner" bei Stemann eher wie "Partner" anhört.