Vor fünf Jahren wurde sie abgeschafft, aber jetzt, kurz vor der Wahl zum Europäischen Parlament, wird sie gern aus der Klischeekiste geholt: die Verordnung Nr. 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken, im Volksmund Gurkenverordnung genannt. Sie ist für viele immer noch das Paradebeispiel für europäischen Regelungswahn.

Von 1988 bis 2009 bestimmte sie die Handelsnormen von Gurken. Unter anderem stand darin, dass eine Salatgurke der Klasse "Extra" sich auf zehn Zentimeter Länge um maximal einen Zentimeter krümmen dürfe. Zusammen mit vielen anderen Gemüsenormen wurde sie 2009 von der EU-Kommission abgeschafft.

War das ein Sieg des gesunden Menschenverstands über die weltfremden EU-Bürokraten? Bei näherem Hinsehen stellt sich die Sache anders dar: Zunächst einmal war die Verordnung gar nicht in Brüssel erfunden worden, man goss dort nur eine schon lange bestehende, aber nicht verbindliche Empfehlung der UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) in Paragrafen.

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Und als die EU-Kommission dann die Gurkenverordnung abschaffen wollte, war das eher eine Revolution von oben. Von unten gab es heftigen Widerstand: 15 der 27 Mitgliedsstaaten wollten sie eigentlich behalten, auch der Deutsche Bauernverband. Und so sind heute noch die Gurken im Supermarkt so gerade, als wäre die Norm nie gefallen.

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