Dass es in chinesischen Großstädten Friseure gibt, die ihre Arbeit zwischen Fischhändlern und Straßenküchen im Freien verrichten, ist für den westlichen Besucher noch kein Anlass zu tieferer Irritation. Wirklich irritierend ist: Die mobilen Friseure haben oft keinen Spiegel. Sie üben ihr Handwerk an den Haaren von Kunden aus, die sich dabei selbst nicht sehen.

Der neue Film der chinesischen Regisseurin Ann Hui, der 1947 geborenen Grande Dame des Hongkong-Kinos, erinnert ein wenig an diese Kultur des Unnarzisstischen. Denn er betört durch einen naturalistischen Stil, der eigentlich nur entstehen kann, wenn Kunst sich nicht im Spiegel ihrer Kunstwirkung überprüft, keine Eitelkeit darauf verwendet, große Kunst zu sein. Nach fünf Minuten hat man als Zuschauer vergessen, dass die Akteure auf der Leinwand Rollen spielen. Nach zehn Minuten, dass es sich bei Deanie Yip und Andy Lau um Schauspieler, ja um Stars der chinesischen Filmbranche handelt. Und irgendwann ist man nahe daran, zu vergessen, dass es sich hier nicht um echtes Leben, sondern um einen inszenierten Film handelt, der mit dem üblichen technischen Aufwand hergestellt wurde.

Der Titel Tao Jie. Ein einfaches Leben bezieht sich auf den Charakter der weiblichen Hauptfigur. Er betrifft aber genauso das vollkommen unspektakuläre Wesen dieses Films, der nichts anderes darstellt als das einfache Handwerk des Lebens. In jedem Bild sind die Menschen eingegliedert in die Welt der Alltagsdinge, eingebettet in die Abläufe alltäglicher Verrichtungen, was entscheidend beiträgt zur Natürlichkeit der Geschichte, die Ann Hui hier erzählt.

Die Regie lässt sich denn auch Zeit, bis sie Tao Jie (gespielt von Deanie Yip) als Hauptfigur überhaupt etabliert, bis die Kamera die alte Frau herauslöst aus dem Gedränge eines Marktes in Hongkong. Und bevor ihr Gesicht zum ersten Mal in halbnaher Einstellung zu sehen ist, hat die 73-Jährige schon viel erledigt, viele Handlungen verrichtet. Sie hat Gemüse geschnitten und in einen Kessel mit siedendem Öl gelegt, Fisch gesäubert und gewendet, Reis in Schalen gefüllt und Leckerbissen um Leckerbissen aus der Küche ins Wohnzimmer getragen, wo ein Mann mittleren Alters am Tisch sitzt. Sie selbst setzt sich nicht. Sie steht in der Küchentür und schaut ihm beim Essen zu.

Denn Tao Jie ist Dienerin. Sie ist, genauer gesagt, Mädchen für alles, und sie war niemals etwas anderes. Als 13-Jährige kam sie in den Haushalt der reichen Hongkonger Familie Leung. Sie hat die gesamte Wirtschaft besorgt und die Kinder aus drei Generationen großgezogen. Sie hat die Sorgen ihrer Herrschaft geteilt und Roger, den Mann, der am Tisch sitzt (gespielt von Andy Lau), als Baby nächtelang auf dem Rücken herumgetragen, weil er nicht einschlief. Inzwischen sind alle Familienmitglieder emigriert oder doch aus Hongkong weggezogen. Alle bis auf den unverheiratet gebliebenen Filmproduzenten Roger. Er ist der Einzige, den sie noch bedient.

Das klassische Schicksal einer Frau also, die nie das hatte, was man ein eigenes Leben nennt, keine Ehe, keine eigenen Kinder, keine eigene Liebe. Einer Frau, die nur gegeben hat. Aber in langsamen Bewegungen löst sich die Handlung von diesem Paradigma der Entbehrung, schlägt einen unerwarteten Weg ein, an dessen Ende Tao Jie zur Liebesbeschenkten wird. Als sie einen Schlaganfall erleidet, bringt Roger sie in ein Altersheim. Er verspricht, sie zu besuchen, sie anzurufen – was man alten Leuten in solchen Fällen halt verspricht. Auch jetzt nimmt sich der Film ziemlich viel Zeit, setzt den Berufsalltag des Produzenten, seine Reisen, Verhandlungen mit Geschäftspartnern, Cocktailrunden mit Kollegen, in eine geduldige Parallelmontage zum Dahinsiechen der Altenheimbewohner, deren Wohnkojen wie in einem Riesenlabyrinth nur durch Stellwände voneinander abgetrennt sind.

Tao Jie kann sich im Heim nicht einleben. Kann sich nicht gewöhnen an das billige Essen, die Gesellschaft der Hinfälligen und Dementen, das kindergartenartige Reglement des Heimlebens, vor allem nicht an ihre Nutzlosigkeit. Das alles lässt der Plot erwarten. Was er nicht unbedingt erwarten lässt, ist die anhängliche Sehnsucht Rogers nach seiner ehemaligen Köchin und Hausangestellten. Er vermisst sie, besucht sie immer öfter im Heim, bringt ihr Geschenke mit, die sie in störrischer Bescheidenheit nicht annehmen will, führt sie zum Essen in elegante Restaurants aus, nimmt sie, elegant gekleidet und mit neuer Frisur, sogar zu einer Filmpremiere mit.

Zwei Stunden dauert Ann Huis Film. Was in der zweiten Hälfte zu sehen ist, darf man eine Art Liebesgeschichte nennen. Hand in Hand schlendern der Filmproduzent und seine alte Dienerin durch die Straßen, albern herum, wühlen in der Kiste, in der Tao Jie Fotos aus Rogers Kindheit aufbewahrt hat. Das Äußerliche ihrer sozialen Rolle macht der inneren Wahrheit Platz. Für Roger ist Tao Jie nun mal die Frau, die seinem Herzen am nächsten steht. Er ist ihr Ein und Alles. Gemeinsam erleben sie menschliches Glück, das sich von selbst und ohne Klimmzüge des Drehbuchs begründet. Man möchte sich den Kitsch nicht ausmalen, der in den Händen eines inszenierungseitlen Regisseurs aus dem Stoff entstanden wäre. So aber ist Ann Huis allein bei den Filmfestspielen in Venedig 2011 mit fünf Preisen ausgezeichneter Film ein berührendes Meisterwerk geworden; das darin aufscheinende Glück wirkt so glaubwürdig und natürlich wie das Gemüseputzen.