Tamino, der Prinz aus Mozarts Zauberflöte, ist ein junger Held. Das weiß jedes Kind, schließlich ist diese Oper die Einstiegsdroge für junges Publikum, sie wird auch als Marionettentheater gerne gespielt. Wie ein Schlag ins Gesicht der Wiener Klassik wirkt da, was Tristan Vogt und Joachim Torbahn vom Nürnberger Puppentheater Thalias Kompagnons daraus machen. Bei ihnen singt ein Countertenor alle Rollen. Ihr Tamino ist eine unförmige, etwas schäbige und zu allem Überfluss seltsam grünliche Handpuppe. Papageno hat tatsächlich frappierende Ähnlichkeit mit einem Vogel (und er agiert – der Vogelfänger ist er ja – mit einer Fliegenklatsche), Pamina ist blau im Gesicht, und Monostatos, der Mohr, ist ein schwarzes Krokodil. Diese Zauberflöte ist eigentlich ein Kasperletheater. Sie hätten, erzählen die Theatermacher, zum Casting mit Kasperlefiguren gespielt und entdeckt: "Das kommt hin." Natürlich haben die Puppen noch eine "künstlerische Transformation" durchlaufen. Trotzdem: Das potenziell Alberne, das in dem ganzen Freimaurer-Aufklärungspathos von Schikaneders Libretto liegt – hier wird es offenbar. Man kann über die altehrwürdige Zauberflöte lachen. Und bekommt zugleich völlig neue Einsichten in das Stück.

Thalias Kompagnons, 1990 als Tourneetheater Tristans Kompagnons gegründet, besitzen mittlerweile einen Ruf als Theatermacher, die vor keinem Stoff Respekt haben; die, bei allem Intellekt, das Vergnügen am Spiel nie vergessen. Sogar an eine Version von Richard Wagners Ring haben sie sich gewagt. Die beiden erhielten für ihr Schaffen allerlei Auszeichnungen, darunter den Preis der Stadt Nürnberg für Kunst und Wissenschaft. Dazu gab es Einladungen zu den Wiener Festwochen, den Ruhrfestspielen und den Salzburger Festspielen. Dort spielten sie 2012 Kafkas Schloss und Das Mädchen aus der Feenwelt oder: der Bauer als Millionär von Ferdinand Raimund. Einen der Säulenheiligen der österreichischen Dramatik bei den Festspielen auf die Bühne zu bringen – damit sind die zwei Puppenspieler endgültig im Olymp der Theaterwelt angekommen.

Der Weg dahin ist weniger steinig gewesen, als man es erwarten könnte, wenn einer den Berufswunsch "Puppenspieler" angibt. Tristan Vogt, Puppenspieler, Dramaturg und oft auch Regisseur, wusste schon früh, was er werden wollte. Der gebürtige Kieler hat Literaturwissenschaften und Soziologie studiert, sagt aber: "Theater wollte ich immer machen." Sein Kompagnon Joachim Torbahn, gebürtiger Nürnberger, hat in Wien Malerei studiert und dann als Bühnenbildner gearbeitet, etwa an der Oper Heidelberg. Er ist bei Thalias Kompagnons der Schöpfer der Puppen, spielt aber auch oder führt Regie. 1988 besuchten die beiden gemeinsam an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin einen internationalen Puppenspiel-Kurs. Seither arbeiten sie als Duo, hatten einige Jahre zusammen mit dem Nürnberger Theater Salz & Pfeffer eine gemeinsame Spielstätte und genießen, so Vogt, seit 2008 wieder das "ungebundene Nomaden-Dasein". In ihrem Repertoire befinden sich dreizehn Inszenierungen, darunter die Zauberflöte. Werbung machen sie nicht: "Wir haben immer das Glück gehabt", sagt Vogt, "dass sich unsere Stücke herumsprachen."

Statt eigenem Theater haben die beiden nun ein Hinterhof-Atelier in Nürnberg. Hier, in dieser geräumigen Mischung aus Werkstatt und Proberaum, erzählen sie von ihrer Arbeit. Immer wieder lassen sie dabei Anekdoten einfließen oder greifen kurz zu den Puppen, um etwas zu demonstrieren. Schnell bekommt man eine Ahnung, warum sie so große Erfolge feiern. So banal es klingt: Die beiden sind von ihrer Arbeit erfüllt. Sie wirken wie zwei Menschen, die mit schlafwandlerischer Sicherheit an dem Platz gelandet sind, der ihnen im Leben bestimmt ist. Als wäre der Erfolg nur die logische Konsequenz dieses Umstands. Dabei machen sie aus dem Puppenspiel keine Religion. "Wir tun das nicht, weil wir meinen, dass es die beste Disziplin ist", sagt Joachim Torbahn. "Wenn ich einen Schauspieler sehe, der mir eine Figur vorführen kann, hat das etwas so Anrührendes, Bewundernswertes. Aber es ist einfach nicht unser Medium. Wir können uns mit Puppen besser ausdrücken, deshalb machen wir es."

Dabei kommt ihnen die Kompaktheit des Mediums entgegen. "In großen Häusern ist man von so vielem absorbiert", erklärt Torbahn. In den "kleinen Welten" läge einfach viel mehr Potenzial. Das kann man an der Zauberflöte erkennen. Die Puppen haben im Vergleich zu einem Burgschauspieler überaus kurze Auftrittswege. "Der Papageno: Zack, und er ist da", wie Tristan Vogt sagt. Die beiden Puppenspieler agieren mit Videofilm, werfen ihr Spiel parallel auf eine Leinwand über der Bühne – so kann selbst ein großes Publikum ohne Verrenkungen zuschauen. Wie die Zauberflöte haben sie auch Kafkas Schloss merklich gekürzt. Und wie dort, so sieht man auch hier, was Torbahn meint, wenn er sagt: "Die Puppen zwingen zur Reduktion. Sie geben die Möglichkeit, die Geschichte pointiert zu erzählen."

Tristan Vogt spielt das Stück allein. Ort des Geschehens ist eine Tischplatte. Man muss an Kafka denken, wie er allein an seinem Schreibtisch mit sich und der Welt kämpfte. Oder, wie Joachim Torbahn sagt: "Eigentlich ist es einer, der gegen sich selber spielt." Man sieht, befreit vom psychologischen Überbau, den ein Schauspieler der Geschichte gegeben hätte, welche Systematik dahintersteckt. "Es geht um ein Machtspiel. Diese ununterbrochenen Kämpfe um den Status. Zug um Zug. Man glaubt, es gibt ein Schach, aber dann kommt ein Gegenzug, und die Situation ist eine völlig andere."

Die Puppen in diesem Stück sind klobig, kaum definiert. Joachim Torbahn findet, das müsse so sein: "Wenn ich als Kind in einer Ausstellung Theaterpuppen gesehen habe, habe ich gefunden, die sind tot. Aber das müssen sie auch sein. Weil sie nur leben, wenn man sie animiert." Es müsse noch Raum geben, der nach einer Belebung verlange. Im ersten Moment oft gar nicht zufrieden mit neuen Puppen ist Tristan Vogt. "Da ist der Impuls, zu sagen: Oh je, die kann das nicht, das muss anders werden. Bis man feststellt: Was sie nicht kann, das macht ihren Charakter aus. Man muss herausfinden, was sie stattdessen kann. Die Körperlichkeit der Figuren schwappt auf einen über. Oft zwingt mich die Puppe zu etwas, auf das ich nie gekommen wäre." Als Zuschauer hat man das Gefühl, es bei den Puppen mit eigenständigen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Die Impulse im Spiel, sagt Joachim Torbahn, kämen "aus dem Material. Es ist die Puppe, die spricht". Tristan Vogt ergänzt: "Ich lausche ihr etwas ab. Nicht ich gebe es drauf, ich nehme es von ihr auf." Es sei ihre Arbeit als Spieler, jedes Mal Gestus, Bewegung und Wollen einer Figur herauszufinden. Dabei haben die beiden einen sehr intuitiven Zugang: Vieles entsteht aus einem Gefühl heraus, erst später verstehen sie den Grund. So sind etwa alle Figuren in Kafkas Schloss bemalt. Nur K. blieb unbemalt. "Nimm es als Zeichen", dachte sich Torbahn und ließ ihn so. Nun ist K. ein Fremder unter Gleichen. Die Puppe ist geworden, was sie ist.

Es scheint diesen Materialklumpen eine dunkle Kraft innezuwohnen. "Man ergreift sie, aber man wird auch ergriffen", sagt Vogt. "Es ist von Menschen gemacht, aber schon unmenschlich." Joachim Torbahn sucht sich seine Vorlagen gerne im Völkerkundemuseum, in Masken aus aller Herren Länder. Natürlich stecke darin auch immer "Menschheitsgeschichte, Kulturgeschichte. Eine Überhöhung des Menschlichen". Man müsste wohl anfangen, das Leib-Seele-Problem noch einmal zu überdenken. Scheint es doch, als hätten auch diese Dinge eine Seele. "In den Sachen, die uns umgeben, ist eine Magie verborgen", sagt Torbahn. "Das heißt nicht, dass man völlig gaga durch die Welt geht und in allem Geister sieht. Aber es wohnt allen Dingen ein Zauber inne." Weil dem so ist, erzählen die beiden nicht nur mit Puppen Geschichten, sondern auch mit vielen anderen Dingen. In ihrem neuesten Stück Aus dem Lehm gegriffen etwa schafft Joachim Torbahn als eine Art Theatergott ganze Welten aus einer Lehmplatte. So einfach kann man Werden und Vergehen des Daseins auf die Bühne bringen. Das Stück ist "für alle ab 4". Es ist ein Stück, das weder Kinder noch Erwachsene unterfordert. Vielmehr ist der kindliche Zugang eine Art Schlüssel: "Wir sind nicht der Meinung, Puppentheater ist per se Kindertheater. Aber es rührt an etwas so Magisches, das zwar sehr in einem verwurzelt ist, von dem Erwachsene aber oft gar nicht mehr wissen", sagt Vogt.

Torbahn ergänzt: "Die Vorstellung, dass da noch was anderes ist als bloßes Material: das ist eine, mit der sich Kinder leichter tun." Das mag auch daran liegen, dass Kinder näher an jener Welt dran sind, in der das Wünschen noch geholfen hat. Ein Junge, erzählen die beiden, hätte einmal in einer Vorstellung gerufen: "Man muss es nur sagen. Und schon ist es da." Vielleicht stimmt das. Und man muss nur wieder anfangen, daran zu glauben.

"Macbeth für Anfänger" 23. 5., Nürnberg, "Aus dem Lehm gegriffen" 22.–26. 6., Hamburg, "Zauberflöte – Eine Prüfung" 19. 7., Rothenburg o.d.T., "Kafkas Schloss" 23. 10., Krakau (Polen), http://thalias-kompagnons.de