Tristan Vogt spielt das Stück allein. Ort des Geschehens ist eine Tischplatte. Man muss an Kafka denken, wie er allein an seinem Schreibtisch mit sich und der Welt kämpfte. Oder, wie Joachim Torbahn sagt: "Eigentlich ist es einer, der gegen sich selber spielt." Man sieht, befreit vom psychologischen Überbau, den ein Schauspieler der Geschichte gegeben hätte, welche Systematik dahintersteckt. "Es geht um ein Machtspiel. Diese ununterbrochenen Kämpfe um den Status. Zug um Zug. Man glaubt, es gibt ein Schach, aber dann kommt ein Gegenzug, und die Situation ist eine völlig andere."

Die Puppen in diesem Stück sind klobig, kaum definiert. Joachim Torbahn findet, das müsse so sein: "Wenn ich als Kind in einer Ausstellung Theaterpuppen gesehen habe, habe ich gefunden, die sind tot. Aber das müssen sie auch sein. Weil sie nur leben, wenn man sie animiert." Es müsse noch Raum geben, der nach einer Belebung verlange. Im ersten Moment oft gar nicht zufrieden mit neuen Puppen ist Tristan Vogt. "Da ist der Impuls, zu sagen: Oh je, die kann das nicht, das muss anders werden. Bis man feststellt: Was sie nicht kann, das macht ihren Charakter aus. Man muss herausfinden, was sie stattdessen kann. Die Körperlichkeit der Figuren schwappt auf einen über. Oft zwingt mich die Puppe zu etwas, auf das ich nie gekommen wäre." Als Zuschauer hat man das Gefühl, es bei den Puppen mit eigenständigen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Die Impulse im Spiel, sagt Joachim Torbahn, kämen "aus dem Material. Es ist die Puppe, die spricht". Tristan Vogt ergänzt: "Ich lausche ihr etwas ab. Nicht ich gebe es drauf, ich nehme es von ihr auf." Es sei ihre Arbeit als Spieler, jedes Mal Gestus, Bewegung und Wollen einer Figur herauszufinden. Dabei haben die beiden einen sehr intuitiven Zugang: Vieles entsteht aus einem Gefühl heraus, erst später verstehen sie den Grund. So sind etwa alle Figuren in Kafkas Schloss bemalt. Nur K. blieb unbemalt. "Nimm es als Zeichen", dachte sich Torbahn und ließ ihn so. Nun ist K. ein Fremder unter Gleichen. Die Puppe ist geworden, was sie ist.

Es scheint diesen Materialklumpen eine dunkle Kraft innezuwohnen. "Man ergreift sie, aber man wird auch ergriffen", sagt Vogt. "Es ist von Menschen gemacht, aber schon unmenschlich." Joachim Torbahn sucht sich seine Vorlagen gerne im Völkerkundemuseum, in Masken aus aller Herren Länder. Natürlich stecke darin auch immer "Menschheitsgeschichte, Kulturgeschichte. Eine Überhöhung des Menschlichen". Man müsste wohl anfangen, das Leib-Seele-Problem noch einmal zu überdenken. Scheint es doch, als hätten auch diese Dinge eine Seele. "In den Sachen, die uns umgeben, ist eine Magie verborgen", sagt Torbahn. "Das heißt nicht, dass man völlig gaga durch die Welt geht und in allem Geister sieht. Aber es wohnt allen Dingen ein Zauber inne." Weil dem so ist, erzählen die beiden nicht nur mit Puppen Geschichten, sondern auch mit vielen anderen Dingen. In ihrem neuesten Stück Aus dem Lehm gegriffen etwa schafft Joachim Torbahn als eine Art Theatergott ganze Welten aus einer Lehmplatte. So einfach kann man Werden und Vergehen des Daseins auf die Bühne bringen. Das Stück ist "für alle ab 4". Es ist ein Stück, das weder Kinder noch Erwachsene unterfordert. Vielmehr ist der kindliche Zugang eine Art Schlüssel: "Wir sind nicht der Meinung, Puppentheater ist per se Kindertheater. Aber es rührt an etwas so Magisches, das zwar sehr in einem verwurzelt ist, von dem Erwachsene aber oft gar nicht mehr wissen", sagt Vogt.

Torbahn ergänzt: "Die Vorstellung, dass da noch was anderes ist als bloßes Material: das ist eine, mit der sich Kinder leichter tun." Das mag auch daran liegen, dass Kinder näher an jener Welt dran sind, in der das Wünschen noch geholfen hat. Ein Junge, erzählen die beiden, hätte einmal in einer Vorstellung gerufen: "Man muss es nur sagen. Und schon ist es da." Vielleicht stimmt das. Und man muss nur wieder anfangen, daran zu glauben.

"Macbeth für Anfänger" 23. 5., Nürnberg, "Aus dem Lehm gegriffen" 22.–26. 6., Hamburg, "Zauberflöte – Eine Prüfung" 19. 7., Rothenburg o.d.T., "Kafkas Schloss" 23. 10., Krakau (Polen), http://thalias-kompagnons.de