Das polnische Theater gehört seit je zu den besten und eigenständigsten Bühnenlandschaften Europas. Zu Sowjetzeiten war es der Ort des Widerstands und der nationalen Identität, und mit Grotowski und Kantor beeinflusste es das Welttheater. Heute demonstrieren deren Nachfolger ihre Kraft: Drei der wichtigsten Regisseure Europas stammen aus Polen, der Altmeister Krystian Lupa und seine Schüler Krzysztof Warlikowski und Grzegorsz Jarzyna. Doch zudem zeigt eine ganz neue Generation, von Jan Klata und Barbara Wysocka bis zu Monika Strzępka/Paweł Demirski, ihre Krallen und Samtpfoten.

Krzysztof Warlikowski wurde 1962 in Stettin geboren. Er brauchte lange, bis er zur Bühne fand, studierte zunächst Geschichte, Philologie und Philosophie in Krakau, bevor er sich unter dem Einfluss des dort arbeitenden Krystian Lupa fürs Theater zu interessieren begann – er wurde Lupas Meisterschüler. Niemand sonst kommt der Essenz des Lupa-Theaters, seiner nüchternen Ekstase und magischen Sinnlichkeit, heute so nahe wie er.

"Ich war über 30, als ich begann, Theater zu machen", sagt er. "Damals war Theater für mich eine Quelle des Wissens, es war vor allem eine Forschungsarbeit." Er arbeitete mit Schauspielschülern in Krakau, Tel Aviv und Paris. Dort nahm er auch seine akademischen Studien wieder auf, assistierte bei Peter Brooks’ Impressions de Pelléas (1992) und begleitete die Aufführung auf ihrer Welttournee. "Ich tauschte einen Ost-Guru gegen einen West-Guru", lacht er heute – damals aber zog er begeistert weiter zum Süd-Guru: Er assistierte bei Giorgio Strehler in Mailand und inszenierte später Shakespeares Perikles am Piccolo Teatro.

Mit Shakespeare hat er sich in den frühen Jahren viel beschäftigt, desgleichen mit den griechischen Klassikern. Euripides’ Bakchen waren 2001 sein Einstand beim von Jarzyna neu begründeten Teatr Rozmaitości in Warschau, dessen Hausregisseur er zehn Jahre lang war. Das frühere Varietétheater wurde unter dem Namen TR Warszawa zum Synonym für neues, aufregendes, auch unbequemes Theater in Polen. Warlikowskis Bakchen wirken wie ein antiker Western, der den Todeskampf zweier ungleicher Gegner zelebriert: der herablassende Gott und der auftrumpfende irdische Machthaber im nervenzerfetzenden Showdown. Die Konfrontation vollzieht sich in unheimlicher Stille; dahinter lauert eine Gewalt, deren Explosion unausweichlich ist. Man wünscht sie als Zuschauer regelrecht herbei, weil man die Anspannung nicht länger erträgt. Niemand kann archaische Wucht und heutiges Grauen so subkutan brodeln lassen wie Warlikowski.

So hat er es auch in seiner berühmten Inszenierung von Sarah Kanes Gesäubert (2001) geschafft, trotz aller Grausamkeit und Schrecken eine innige Liebesgeschichte zu erzählen. Dass Liebe stärker sein kann als der Tod, zeigt er in überirdisch schönen Bildern. Er entdeckt in dem Stück eine Gegenwelt zum Horror. Das habe merkwürdige Folgen, sagt Warlikowski: "Bei der Premiere in Posen sorgte nicht die Gewalt für den Skandal, sondern Zuschauer verließen türenknallend den Saal, als zwei Männer sich küssten. In Polen gibt es immer mehr Übergriffe auf Schwule und auf Juden, aber darüber wird nicht gesprochen. Je katholischer ein Land ist, desto größer der Antisemitismus und die Homophobie – und Polen ist sehr, sehr katholisch." Warlikowski ist immer dann am besten, wenn er auf der Bühne seine Wut, seine Verzweiflung, seine Hoffnung artikuliert. Dann kann er magische Momente schaffen, voller Sehnsucht und Verlorenheit. Seine Inszenierung von Kushners Angels in America (2007) gehört zu den besten, die es weltweit gab. Er packte alles Entsetzen über den Zustand seines Landes – damals unter Kaczynski –, seine Rage und Kampfeslust in das Stück hinein: Aids als Metapher des Bösen, die New Yorker Schwulenszene als Minderheiten-Ghetto, die amerikanische Machtpolitik als hysterische Propagandamaschine, die nicht mehr zu stoppen ist. Und, wie immer bei diesem Regisseur, die Frage nach der Utopie der Versöhnung. Die Aufführung wird zu einem weltlichen Mysterienspiel von Tod und Auferstehung, Jammer und Glorie. Sie steht noch immer auf dem Spielplan; wäre sie auf Englisch statt auf Polnisch – sie hätte die Welt bereist.

Warlikowskis Theater kreist stets um die Geheimnisse von Lieben und Begehren, es bohrt seine Pfeile ins Fleisch des Zuschauers, auf dass der Schmerz Kopf und Herz befreie. Es ist ein politisches Theater voller Sinnlichkeit und Erkenntnis. Dass die Katharsis nicht mit heiligem Pathos daherkommt, sondern sehr irdisch, mit lädierten Engeln und Menschen, sexy und unverschämt, das macht sie unwiderstehlich. Er ist ein Meisterregisseur, aber er hat eben auch Meisterschauspieler. Sie sind eine verschworene Gemeinde, die nach ihren eigenen Gesetzen funktioniert. Einige sehr berühmte sind dabei, wie Magdalena Cielecka, Andrzej Chyra oder Ewa Dalkowska, aber auch die österreichische Schauspielerin und Sängerin Renate Jett, die oft bei ihm spielt: auf polnisch, das sie eigens dafür gelernt hat. Seine Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szcesniak ist unverzichtbar, ebenso wie der Dramaturg Piotr Gruszczynski.