Manchmal sehnt man sich nach einem Buch, das nicht so laut und aufdringlich ist. Ein bisschen wie manche Stücke von Arvo Pärt. Oder wie die Gesänge der Mönche in den Klöstern. Oder wie die allerersten Bücher von Peter Handke. Einem Buch, das einen nicht mit seiner aufgepumpten Sprachartistik bedrängt, die aus jeder Seite herausspritzt wie der Schaum aus dem tosenden Meer, sondern einem Buch, das einen mit seiner konzentrierten Stille ansteckt, weil es so direkt, ungekünstelt und unwiderstehlich ist.

Das schmale Buch des heute 53-jährigen norwegischen Autors Tomas Espedal ist so eins. Es beginnt damit, dass sich ein 48-jähriger Mann und eine sehr junge Frau in der Silvesternacht auf einem Fest ineinander verlieben. Kurz nach Mitternacht finden sie abseits der Festgesellschaft zusammen. Der Mann schläft mit der jungen Frau, während sie auf allen vieren durch die Bibliothek der Gastgeber kriecht. Lampen stürzen um, Stifte und Papier werden vom Schreibtisch gefegt, auf dem das Paar sein Liebeswerk vollendet. Es ist der Anfang einer großen Leidenschaft, der größten im Leben des Mannes. Am Ende des Buches wird er allein sein und liebeskrank im Kleiderschrank in die Röcke weinen, die die junge Frau dort zurückgelassen hat.

Dann wird er im Keller seines kleinen Reihenhauses am Meer die Geschichte seiner gescheiterten Lieben schreiben, von der ersten bis zur letzten. Es werden genau drei Lieben sein. Die kurze Liebe zu einer jungen Frau aus dem Arbeitermilieu, dem er entstammt. Die ratlose Liebe zu einer exzentrischen Schauspielerin, die ihn nach Rom und nach Nicaragua lockt, mit der er eine Tochter bekommt (was er auf einer einzigen, ganz und gar unvergesslichen Seite beschreibt) und deren Asche er zehn Jahre später im Garten vergräbt. Und schließlich die selig-verzweifelte Liebe zu der jungen Frau, die er auf dem Fest kennengelernt hat und die man überall für seine Tochter hält (weshalb er sein Buch schuldbewusst Wider die Natur genannt hat). Er wird sie alle drei schonungslos beschreiben, angefangen bei jener leidenschaftlichen Nacht auf dem Schreibtisch bis zu den Schreibtagen im Keller seines Lebens, zwei Meter unter der Erde irgendwo in Norwegen. Und weil er sich dabei ein wenig wie der alte Abaelard vorkommt, der um die junge Héloïse trauert, erzählt er auch diese legendäre Liebesgeschichte zwischendurch, als wäre es seine eigene.

Es wird das ehrlichste und berührendste Buch über die Liebe, das man sich denken kann, weil es nicht nur von der einen literaturfähigen Zentralliebe erzählt, für die Romanhelden der klassischen Literatur üblicherweise mit ihrem Romanleben bezahlen (Werther, Anna, Effi, Emma und viele andere). Sondern weil es um die wirkliche Liebe geht, die außerhalb der Romane bei erwachsenen Menschen heutzutage eher im Plural vorkommt. Espedals Liebesautobiografie erzählt von den Lieben eines Lebens, die sich ablösen, gegenseitig aufsaugen, kommen und gehen und die alle kein Mittel sind gegen die Einsamkeit, die immer das letzte Wort hat.

Die eindringlichsten Momente dieses Liebesromans sind deswegen auch gar nicht die eigentlichen Liebesmomente, sondern solche, die für gewöhnlich unbemerkt verstreichen und am nächsten Tag vergessen sind. So wie dieser: "Ich war allein mit meiner Tochter im Haus. Sie wachte früh auf, meist um fünf Uhr morgens, es war dunkel; wir saßen in der Küche und warteten auf den Morgen. Wir saßen in der Küche und warteten darauf, dass die Nacht ein Ende hatte, dass das Licht kam, dass der Morgen anbrach."

Tomas Espedal hat bisher elf Bücher geschrieben. Zwei davon wurden ins Deutsche übersetzt, und beide haben diese ungeschützte autobiografische Aufrichtigkeit und beiläufige Poesie, die es sich nicht gestattet, den Leser mit irgendwelchem stilistischem Schmuckwerk wie starken Bildern oder brillanten Pointen zu umschmeicheln. Das erste erschien auf Deutsch im Jahr 2011, hieß Gehen oder die Kunst, ein wildes, poetisches Leben zu führen und erzählte davon, wie der Autor monate- oder jahrelang (die Zeit, die vergeht, spielt bei diesem Erzähler keine große Rolle) mit nichts als einem leichten Rucksack zu Fuß dem Traum hinterherlief, jenseits der großen Erschöpfung ein anderer zu werden und sich zu verwandeln.

In diesem Buch schrieb er: "Du wirst dein Leben lang mit dir selbst leben. Du kannst eine neue Geliebte finden, du kannst Freunde und Familie verlassen, verreisen, eine neue Stadt und neue Orte finden, du kannst verkaufen, was du besitzt, und dich von allem trennen, was dir nicht passt, aber solange du lebst, wirst du dich nie von dir selber trennen können." Und an dieser Stelle ahnte man schon, warum dieser Autor immer nur über sich selbst schreibt und darauf verzichtet, dem Leser ausgedachte Geschichten aufzutischen: Der Stoff des erinnerten und ersehnten Lebens ist für ihn das einzig greifbare und deshalb unangreifbare Material, das es in dieser verrückten Welt gibt, die immerzu neue Geschichten hervorbringt und verschlingt, ohne jemals satt zu werden.

Espedals Prosa ist voller Schwarzer Löcher

Natürlich ist auch das wieder nur eine ausgedachte Geschichte: die vom nackten Ich als einzig stabiler Währung im Taumel der Beliebigkeiten und des endlosen Spaßes (über den David Foster Wallace alles Entscheidende schon geschrieben hat). Aber es ist eine besonders schöne und radikale Geschichte und auch ein Versuch, wieder Boden unter den Sätzen zu spüren. Vielleicht sogar so etwas wie die Wahrheit und die Würde des Lebens. Und seien sie auch nur gut erfunden.

Diesen extremen Verismus einer neuen, unerbittlich aufrichtigen, radikalautobiografischen Schreibweise teilt Espedal mit seinem in Schweden lebenden Freund, dem norwegischen Bestsellerautor Karl Ove Knausgård, dessen sechsbändiger, in Skandinavien kultartig verehrter Romanzyklus Mein Kampf ebenfalls versucht, die Grenzen des Romans und der Diskretion zu erweitern und in die noch unkartografierten Gebiete des Literarischen vorzudringen. Espedal beschreibt in seinem Liebesroman, wie er mit seiner Freundin im Bett liegt und jeder in seinem Exemplar des Romans von Knausgård liest. "Hast du das schon gelesen?", sagt seine Freundin dann, "das ist ja ganz unglaublich, dass er sich das traut".

Beide Autoren haben auf der Schreibkunstakademie in Bergen bei dem norwegischen Dramatiker und Romanautor Jon Fosse studiert, der einen ähnlich verdichteten, untertourigen Stil bevorzugt. Dennoch unterscheiden sich die beiden. Knausgård schreibt ausladend und mäandernd, Espedal lakonisch und skelettiert. Knausgård ist besessen von der Idee eines neuartigen Gesamtkunstwerks des Lebens und des Schreibens. Espedals Prosa ist voller Schwarzer Löcher, in denen sich die Energie des Ungeschriebenen aufstaut. Sein Liebesbuch ist ein Meisterwerk des literarischen Understatements. Alle, die neuerdings wieder nach einem neuen, unverbrauchten Realismus dürsten wie nach klarem Wasser in der Wüste, werden dieses Buch lieben.