Am zwölften Tag der Besatzung scheint der Rentner Wjatscheslaw Kuklin gegen die Müdigkeit zu verlieren. Kuklin sitzt an einem Tisch im elften Stock der Regionalverwaltung von Donezk, die mit Stacheldraht und Autoreifen verbarrikadiert ist, und stützt den Kopf auf seine Hände, die Augen fallen ihm zu, die Schiebermütze rutscht ihm in die Stirn. Weil alle Matratzen belegt waren, hatte er sich in der letzten Nacht auf zwei zusammengeschobenen Stühlen ausgestreckt. Kaum ein Auge hat er zugetan, und jetzt schmerzt auch noch der Rücken.

Draußen auf den Fluren kontrollieren maskierte, mit Schlagstöcken bewaffnete Männer die Kamerataschen von Journalisten. Der elfte Stock ist so etwas wie die Machtzentrale der Separatisten. Hier tagen ihre Anführer, hier haben sie nach der Erstürmung des Gebäudes eine unabhängige Republik ausgerufen, von hier aus fordern sie ein Referendum, das über die Zukunft der Region Donbass im Osten der Ukraine entscheiden soll.

Einen Tag zuvor hatten russische und ukrainische Regierungsvertreter in Genf vereinbart, den Konflikt friedlich beizulegen. Kuklin und die anderen sollten die Gebäude räumen, ihre Waffen strecken, im Gegenzug versprach man ihnen Amnestie. Auch Russland, das bislang auf der Seite der Besatzer stand, hatte die Erklärung unterschrieben.

Wie werden die Separatisten jetzt reagieren?

Besetzte Rathäuser in der Ostukraine machen jetzt Weltpolitik, von ein paar Hundert Separatisten hängt ab, ob es eine Chance für den Frieden geben wird. Wer sind diese Leute, was geht in ihnen vor? Und wie lange halten sie durch?

Kuklin gähnt, als Denis Puschilin, einer ihrer Anführer, in einem dunklen, gebügelten Anzug an die Mikrofone der Reporter tritt. Er räuspert sich, dann ruft er: "Wir werden gar nichts räumen. Wir kämpfen weiter bis zum Sieg."

Kuklin nickt mit halb geschlossenen Augen.

Seit zwei Tagen ist er auf der Flucht. In Donezk hat er Unterschlupf gefunden, im Schutz der Barrikaden. Kuklin ist einer der Männer, die vergangene Woche in Mariupol das Rathaus stürmten, einer Stadt am Schwarzen Meer. Sie jagten den Bürgermeister davon und ernannten ihn, Kuklin, zum neuen. Aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle. Kiew hatte Truppen geschickt, und Kuklin zog mit einer Hundertschaft vor das Kasernentor. Er wollte, dass die Gardisten überliefen, so wie tags zuvor ein paar Soldaten in Slowjansk. "Schießt nicht auf eure Brüder", rief er durch ein Megafon. "Lasst uns darüber abstimmen, zu wem wir gehören wollen."

Dann brach Tumult aus, noch immer ist unklar, was geschehen ist, aber Schüsse fielen, Kuklin sah Menschen durcheinanderlaufen, der Asphalt färbte sich rot.

Drei Männer starben an diesem Abend, 13 wurden mit Schussverletzungen ins Krankenhaus gebracht, mehr als 60 Aktivisten, ließ die Regierung in Kiew wissen, seien festgenommen worden. Kuklin wusste, dass er als Anführer ganz oben auf der Fahndungsliste stehen würde. Ein Wagen schleuste ihn noch in der Nacht nach Donezk, jetzt sitzt er hier, eine alte Zahnbürste lugt aus seiner Jackentasche, und tausend Fragen rauschen ihm durch den Kopf: Woher kamen die Schüsse? Ist Putin noch auf ihrer Seite? Was wird jetzt aus dem Referendum, aus diesem Aufstand, der ihm noch bis vor Kurzem wie ein wildes Abenteuer in seinem ruhigen Rentnerleben vorkam?

"Lass uns draußen reden", flüstert Kuklin und schleppt sich das Treppenhaus hinunter. Zigarettenqualm steht in der Luft, Kuklin hustet; nach 50 Jahren in den Stahlwerken und Kohleminen, sagt er, habe ihm der Krebs einen Lungenflügel genommen. Im neunten Stock nickt er einem Maskierten zu, der einen Zettel an die Wand pappt, der Alkoholkonsum im Haus verbietet, im siebten Stock passiert er ein Plakat, das Barack Obama als Schimpansen zeigt, und im vierten, wo sich die Abgeordneten aus Mariupol aufhalten, bittet er eine Frau, bei der Verwaltung doch noch mal wegen einer Matratze für die Nacht zu fragen.