Gibt es in Deutschland ein Unternehmen, das ähnlich viel über die Menschen weiß wie Google oder Facebook, vielleicht sogar mehr? Das unser Einkommen beziffern kann, unsere Krankheiten kennt, das einzuschätzen vermag, ob wir eher der Typ Draufgänger oder Angsthase sind? Und: Falls es ein solches Unternehmen gibt – was macht es dann mit unseren Daten?

Ein möglicher Kandidat ist die Allianz, der größte Versicherungskonzern der Welt. Vor allem in Deutschland hat er ein engmaschiges Netz gesponnen. Es gibt hier kaum einen Ort, von dem aus man mehr als fünf Kilometer fahren muss, um einem der 9.000 Vertreter persönlich gegenüberzusitzen. So allgegenwärtig Google und Facebook im Internet sind, so allgegenwärtig ist die Allianz im physischen Leben. Und genauso tief hat sie sich in die sozialen Beziehungen der Deutschen eingeschlichen.

Wie das funktioniert, versteht man im Büro von Markus Esche. Es liegt im Münchner Stadtteil Unterschleißheim, wo er auch aufgewachsen ist. Später war er Torwart bei den Amateuren von 1860 München, auch deshalb kennt man ihn, den Allianz-Vertreter. Die Kumpel aus der Kneipe sind bei ihm versichert, genauso wie ein alter Schulfreund, der nun ein Architekturbüro leitet. Esche kann es sich gar nicht leisten, irgendwen schlecht zu beraten oder über den Tisch zu ziehen. Dafür sind seine privaten und beruflichen Beziehungen viel zu eng miteinander verflochten. Das wiederum wissen die Leute – und geben viel von sich preis. Von den meisten seiner Kunden kennt Esche sogar die Höhe des Einkommens.

Es ist das Prinzip Allianz: Vertrauen gegen Information. Viele der rund 20 Millionen Kunden in Deutschland schließen gleich mehrere Versicherungen bei ihrem Vertreter ab. Daraus ergibt sich dann unter Umständen ein ziemlich detailliertes Persönlichkeitsprofil. Für die Krankenversicherung werden zum Beispiel Vorerkrankungen und gefährliche Hobbys erfasst, für die Kfz-Versicherung, welches Auto und wie viele Kilometer ein Kunde fährt. Die Altersvorsorge setzt Auskünfte über die finanziellen Verhältnisse und die individuelle Risikobereitschaft voraus. Zudem können die Vertreter in ihrer Software notieren, wer mit wem wie verbunden ist. Ob zum Beispiel Person A mit Person B verheiratet ist. Oder wie oft und wo sich die Freunde C, D und E zur Skatrunde treffen.

Der regional tief verwurzelte Konzern kennt seine Kunden lange und genau

Zusammen mit ihren Vertretern sitzt die Allianz also auf einem riesigen Datenschatz. Zugleich aber steht sie vor enormen Herausforderungen. "Wir müssen die Agentur auf dem Dorf in die digitale Welt übertragen", sagt Bernd Heinemann, im Vorstand der Allianz Deutschland für das Marktmanagement zuständig. Alexander Vollert, seit Anfang dieses Jahres Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherungs-AG, ergänzt: "Der technologische Umbau ist die Voraussetzung, um langfristig auch gegen Google, Facebook und Amazon zu bestehen, sollten die in das Versicherungsgeschäft einsteigen."

Wie bitte? Google und Facebook als Versicherer? Was zunächst abwegig klingt, ist bei genauerem Hinsehen durchaus naheliegend und sinnvoll. Denn je mehr die Internetgiganten über ihre User wissen, desto näher liegt der Gedanke, ihnen auch passgenaue Versicherungen anzubieten. Dirk Schmidt-Gallas, Assekuranz-Experte bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners, hält ein solches Szenario sogar für ziemlich wahrscheinlich: "Da Versicherungen vor allem auf Informationen beruhen, ist es aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit, bis die modernen Informationsbeherrscher in dieses Geschäft einsteigen."

Es wäre ein gigantischer Angriff auf die Versicherer – und damit auch auf den Branchenprimus, die Allianz. Niemand weiß, ob und wann er wirklich kommt. Doch Deutschland-Chef Vollert will vorbereitet sein. Seine Strategie: "Immer an der Front sein, egal, wer da kommt."

Es ist eine interessante Konstellation: Ein tief in der physischen Welt verwurzelter Koloss verfügt über wertvolle und teilweise sehr persönliche Kundendaten. Nun rüstet er sich für eine mögliche Konkurrenz durch die Riesen aus der virtuellen Welt. Diese wiederum stellen mit ihren Daten alles Mögliche an: Sie durchsuchen E-Mails nach Stichwörtern und analysieren Standortdaten (Google), verkaufen ihr Wissen an Werbekunden (Google und Facebook) und nutzen auch Informationen über Freunde und Verwandte, um möglichst individuelle Kaufempfehlungen abzugeben (Amazon).

Und was macht die Allianz? Es ist eine heikle Frage für den Konzern. Einerseits will er zwar technologisch vorn mit dabei sein, andererseits aber auf keinen Fall als fieser Datenkrake rüberkommen. Seit dem NSA-Skandal ist die Vorsicht besonders groß.

Die Suche nach Antworten beginnt im Keller, 15 Meter tief unter der Erde. Die Allianz-Mitarbeiter in der Zentrale in Unterföhring laufen zwar ständig darüber hinweg, doch gesehen hat das Rechenzentrum so gut wie niemand. Nicht einmal der Technikchef darf es ohne Begleitung betreten. Auf knapp 10 000 Quadratmetern lagern die Daten für Deutschland, Österreich, die Schweiz, Großbritannien und die Beneluxländer. Man sieht viele graue Kästen: Server, Festplatten, Tape-Speichersysteme. Aber auch 24 Riesendynamos, deren Schwungmasse ausreicht, um einen Stromausfall immerhin eine Minute lang zu überbrücken. Dann übernehmen Batterien – und schließlich gelbe Dieselmotoren, wie man sie normalerweise im Maschinenraum eines großen Frachters findet.