Anna von Lüneburg ist blond, Mutter dreier Kinder und auf eine Weise deutsch, unzimperlich und direkt, mit der die Menschen im Oberwallis gut umgehen können. "Bei uns gibt es keinen Shuttle-Service oder Limousinendienst", erklärt die Leiterin der Zermatt Festival Academy vergnügt, "alle fahren mit derselben Bimmelbahn hier hinauf." Was auf freundliche Weise so viel bedeutet wie: keine Privilegien, für niemanden. Jeder, der nach Zermatt will, auf 1.600 Meter über dem Meer, erfährt das am eigenen Leib: Elend langsam tuckert das Bähnchen das enge und immer enger werdende Tal hinauf in den autofreien Ort. Manchmal sind die schroffen Felswände links und rechts zum Greifen nah. Touristen recken ihre Oberkörper aus den Fenstern und knipsen sich die Finger wund. Die meisten von ihnen dürften das Objekt der allgemeinen Begierde, das Matterhorn, nur von Postkarten her kennen oder aus der Werbung; mich als gebürtige Schweizerin hat es als Signet auf meiner Caran-d’Ache-Buntstiftschachtel immerhin durch die ganze Grundschulzeit hindurch begleitet.

Gestochen scharf zeichnet sich dort der spitze Gipfel gegen einen strahlend blauen Himmel ab und bietet den Kühen, die zwischen morschen Almhütten und himbeerroten Alpenrosen weiden, eine geradezu unverschämt idyllische Kulisse. Ein Klischee, das sitzt. Als ich nun in Zermatt ankomme und selber nach dem berühmten Horn Ausschau halte, blicke ich allerdings ins Graue. "Da ist es", sagt Anna von Lüneburg, während wir auf der Hotelterrasse Tee trinken, und wischt mit der rechten Hand in Richtung einer kompakten Wolkenwand. "Manchmal ist es hier ein bisschen verhangen, aber das verzieht sich meist schnell wieder. Vor einer Stunde war das Matterhorn noch klar zu sehen." Ich bin beruhigt.

Die Akademie ist das Herz des Zermatt Festivals. Die Idee dazu hatte das Berliner Scharoun Ensemble, das hier seit zehn Jahren zwei Wochen lang im September rund 30 ausgewählten Nachwuchsmusikern so etwas wie den letzten Schliff verpasst. Nach dem Eröffnungswochenende bestreiten die Akademisten unter der Leitung des Ensembles das gesamte Programm des Festivals – als Zermatt Festival Orchestra oder auch in kleinen Kammermusikformationen. Die meisten der jungen Musiker befinden sich in der heiklen Übergangsphase zwischen Studium und Beruf, viele von ihnen träumen davon, eines Tages auf einer der wenigen heiß begehrten Stellen in einem internationalen Spitzenorchester zu landen. Und von wem könnte man besser lernen, was Exzellenz ausmacht, als von namhaften Solisten der Berliner Philharmoniker, aus denen sich das Scharoun Ensemble zusammensetzt? Dass dieses Lernen nicht nur aus Unterrichtsstunden, sondern vor allem aus dem gemeinsamen Musizieren mit den Dozenten besteht, gehört zu den Schlüsselprivilegien der Akademie. So rar deren Plätze sind, so sehr profitieren die Teilnehmer. "Jeder Akademist, der gut ist, wird ein zweites Mal eingeladen", erzählt Anna von Lüneburg. "Den Dozenten ist es wichtig, die jungen Musiker intensiv zu begleiten. Auch nach der Zeit in Zermatt bleiben sie oft ihre Mentoren." Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein.

Orchesterakademien gibt es wie Sand am Meer. Die Zermatt Festival Academy ist trotzdem einzigartig, denn die Mitglieder des Scharoun Ensembles geben hier etwas weiter, was durch nichts anderes ersetzt werden kann: ihre dreißigjährige Erfahrung als Orchester- und Kammermusiker. Orchesterwerke aus dem Geist der Kammermusik spielen heißt ja vor allem: aufeinander hören. Deshalb wird das Zermatt Festival Orchestra meist auch nicht von einem Dirigenten, sondern vom Konzertmeister oder einem Solisten geleitet. So erhält der Einzelne mehr Verantwortung, und selbst der hinterste Tuttist spielt mit solistischem Selbstverständnis. Was das bewirkt, ist an einem Abend in der Pfarreikirche von Zermatt zu erleben. Die Akademisten sitzen buchstäblich auf den Stuhlkanten. Mendelssohns dritte Sinfonie glüht nur so vor Intensität und Spielfreude, und in Brahms’ Violinkonzert meint man, jeder einzelne Musiker trete mit dem Geiger Guy Braunstein persönlich in einen Dialog.