Nirgendwo ist Tanken teurer: Bis zu 250 Dollar kostet der Liter Diesel in einem afghanischen Feldlager. Extrem lange und gefährliche Transportwege treiben den Preis in die Höhe. Rund 20 Milliarden Dollar im Jahr gibt die U. S. Army für Treibstoff aus, bei der Bundeswehr sind es mehr als 200 Millionen Euro. Was also tun? Ganz einfach: ökologisch tanken. "Der Einsatz erneuerbarer Energie kann zu großen Einsparungen führen", sagt David Muchow, Chef eines Militärzulieferers in Virginia, vor 200 Beamten und Offizieren aus der EU und den USA.

Sie sind erstmals 2012 auf Einladung der Europäischen Verteidigungsagentur zur Military-Green-Konferenz in die Königliche Militärakademie nach Brüssel gekommen. Auf der Veranstaltung ging es nicht nur um grünen Sprit, sondern generell um den Einzug ökologischer Technik in die Ausrüstung des Militärs. Im Innenhof des klassizistischen Gebäudekomplexes wurden die passenden Gerätschaften gezeigt.

Ein "mobiles taktisches Mikro-Stromnetz" hat David Muchow im Angebot, untergebracht in einem mit Batterien vollgestopften Container. Auf dem Dach glänzen acht Photovoltaikmodule. "Die sind extrem robust", verspricht der Hersteller, "darauf können Sie schießen, und die laufen trotzdem weiter." Daneben drehen sich zwei zusammenklappbare Windräder. Auch ein Dieselgenerator gehört zur Ausstattung – als Sicherheitsreserve. "Zum Transport passt alles in den Container", versichert Muchow, "vier bis fünf Mann können das Mikro-Stromnetz an einem Tag aufbauen."

Anderswo mag erneuerbare Energie als Kostentreiber verschrien sein, hier wird sie gepriesen. Und das nicht nur aus finanziellen Gründen. Auch taktisch spricht einiges für olivgrüne Energie. Materialverluste und Todesopfer auf schwer zu sichernden Treibstofftransporten können vermieden werden. Die Soldaten bleiben von Lärm und Abgasen verschont. Windräder und Solarmodule erzeugen im Unterschied zu Dieselgeneratoren keine Infrarotstrahlung, dem Feind können sie deshalb nachts nicht als Zielscheibe dienen. Und das Feldlager verfügt auch dann über eine gesicherte Stromversorgung, wenn die Nachschubwege einmal abgeschnitten sein sollten.

Vorreiter der militärischen Energiewende waren die USA. 2007 hatte das Pentagon die Marschrichtung vorgegeben: Bis 2020 soll der Treibstoffverbrauch um 20 Prozent sinken und der Rest zur Hälfte durch erneuerbare Energie ersetzt werden. "More fight – less fuel" lautete das Kommando. Auch die Nato hat es gehört. "Smart defense with smart energy" heißt es dort.

In Deutschland hat das Verteidigungsministerium daraufhin vor zwei Jahren beim Fraunhofer Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in Euskirchen eine Studie mit dem Titel Postfossile Bundeswehr in Auftrag gegeben. Auf den hundert Seiten des 2013 vorgelegten Abschlussberichts bewerten die Wissenschaftler Vor- und Nachteile alternativer Energiekonzepte für die Kriegsführung in der Luft, an Land, auf See und unter Wasser. Schon im ersten Absatz warnen sie vor "Totschlagargumenten" nach dem Motto: "Und wenn dann keine Sonne scheint, kann ich nicht mehr kämpfen." Wer so denke, handle fahrlässig. Ausdrücklich weisen die Autoren auf die "Vorbildfunktion" der Bundeswehr hin. "Schon allein aus Imagegründen" sollte sie nationale und internationale Umweltgesetze beachten und zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen.

Auch strategisch sei die Energiewende bei den Streitkräften unausweichlich – schon allein aufgrund der Verteuerung und Verknappung fossiler Energieträger. Würden sie mittelfristig nicht ersetzt, sei die Einsatzfähigkeit in Gefahr. Eine Abkopplung der militärischen von der zivilen Energietechnik müsse unbedingt vermieden werden. Doch bisher sei der Bundeswehr häufig "nicht bekannt, welche Firmen über wehrtechnisch relevantes Wissen verfügen", das "im Sinne des Dual-Use" genutzt werden könnte. Umgekehrt hätten auch diese Firmen den militärischen Markt nicht im Blick.

Um beide Seiten zusammenzubringen, schlagen die Fraunhofer-Forscher eine interne Messe vor. "Ein Ausprobieren der vorgestellten Geräte durch Soldaten ist dabei ausdrücklich erwünscht." Die Frage, ob manche Firmen den militärischen Markt vielleicht gar nicht bedienen wollen – oder es wegen universitärer Zivilklauseln nicht dürfen –, stellt die Studie nicht.

Das Pentagon lässt die neue Energietechnik nun in der Praxis erproben. In Missouri und Massachusetts hat die U. S. Army dafür eigens Feldlager für mehrere Hundert Soldaten aufgebaut. Und die U. S. Marines testen neue Technik gleich in Afghanistan. Ein Schwerpunkt ist dabei die Solarenergie. Neben fest installierten Modulen kommen auch flexible Dünnschichtzellen zum Einsatz. Sie können in Zeltdächer oder sogar als eingewebte Fäden in Uniformen integriert werden. Fallschirmjäger haben so auch nach dem Absprung die Möglichkeit, ihre Satellitentelefone aufzuladen.

Mit Biogasanlagen sollen sich Feldlager selbst versorgen

Zweiter Schwerpunkt des Pentagon-Programms ist das Energiesparen. Bisher verbrauchen Feldlager in heißen Regionen 95 Prozent des Dieselgenerator-Stroms für die Kühlung kaum isolierter und häufig auch noch ungenutzter Zelte. Ein besseres Energiemanagement kann den Treibstoffverbrauch um 85 Prozent reduzieren. Dass die mögliche Sparquote so hoch ist, liegt allerdings auch daran, dass die U. S. Army in der Nato in Sachen Energieeffizienz bisher die rote Laterne trägt: Nirgendwo ist der Treibstoffverbrauch pro Soldat höher. "In den USA werden derzeit vor allem Energiesparpotenziale realisiert, die in der Bundeswehr und anderen europäischen Streitkräften bereits in weiten Teilen umgesetzt sind", konstatiert denn auch die Fraunhofer-Studie.

Das Zusammenspiel verschiedener grüner Techniken hat die Bundeswehr in einem Projekt mit dem Namen Energie-Camp untersucht. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Einsatz von Brennstoffzellen. Einige deutsche U-Boote nutzen sie bereits für den Antrieb. Und an Land könnten Brennstoffzellen zum Beispiel für Spähfahrzeuge gut geeignet sein, die längere Zeit im Stillstand betrieben werden und dabei möglichst wenig Lärm und Wärmestrahlung erzeugen sollen.

Der nötige Wasserstoff könnte im Feldlager durch Elektrolyse gewonnen und in Druckbehältern gespeichert werden. Die Explosionsgefahr müsse dabei nicht überschätzt werden. "Beschussversuche mit großkalibrigen Maschinengewehren und Panzerfäusten haben gezeigt, dass die Sicherheitsprobleme nicht wesentlich größer wären als bei der Speicherung von Diesel oder Benzin", schreiben die Fraunhofer-Wissenschaftler. Geeignet seien Brennstoffzellen, heißt es in ihrer Studie weiter, auch zur "Stromversorgung abgesessener Soldaten" (die sich ungeschützt im Feld aufhalten). Als Treibstoff komme dafür eher Methanol infrage, wegen der besseren Handhabbarkeit womöglich auch Äthylen oder Äthylenglykol.

Selbst Biogas kann zur Selbstversorgung von Feldlagern beitragen. Im September ist der sogenannte Muckbuster, die Containerlösung eines britischen Herstellers, vom US-Militär bei einem Wettbewerb in Hawaii ausgezeichnet worden. Aus Küchenabfällen und Toilettenabwässern erzeugt der Muckbuster weitgehend wartungsfrei Gas, Strom und Wärme. Je größer der Soldatenhunger, desto geringer ist dann der Dieselverbrauch im Feldlager. Allerdings steigt dann der Bedarf für den Nachschub an Lebensmitteln. Und welcher Effekt überwiegt nun? Diese Frage wurde wissenschaftlich noch nicht untersucht.