DIE ZEIT: Herr Premierminister, Separatisten beherrschen Städte im Osten Ihres Landes, Verwaltungsgebäude sind besetzt, die Polizei hört nicht auf die Kiewer Regierung, internationale Beobachter wurden entführt. Wie würden Sie die Situation Ihres Landes in wenigen Worten beschreiben?

Arseni Jazenjuk: Sie ist nicht gut. Aber wir haben keine Separatisten in unserem Land.

ZEIT: Sondern?

Jazenjuk: Wir haben von Russland geführte Terroristen.

ZEIT: Sie behaupten, dass die Leute, die in Donezk und anderen Städten im Osten Gebäude besetzt halten und auf den Straßen demonstrieren, russische Agenten sind?

Jazenjuk: Nein, aber sie sind von Russland geführte Terroristen. Separatisten hingegen sind eine politische Bewegung, die im Volk Unterstützung hat, politische Forderungen stellt und mit politischen Mitteln ihre Ziele erreichen will. Das wäre normal. Nicht normal sind bewaffnete Banden mit russischen Spionen, die Zivilisten terrorisieren und foltern, die ukrainische Politiker und Polizisten töten und internationale Beobachter entführen. Wir haben Gespräche zwischen russischen Politikern und den von ihnen angeführten Terroristen aufgenommen. Sie beweisen eindeutig, dass Russland die Finger im Spiel hat und versucht, die Situation in der Ukraine zu destabilisieren. Meine Regierung hat einen umfassenden Dialog angeboten, aber Menschen, die Maschinenpistolen besitzen, sind dafür taub.

ZEIT: Was bieten Sie an?

Jazenjuk: Wir sind bereit, die Verfassung zu ändern und die lokalen Autoritäten zu stärken.

ZEIT: Heißt das, Sie können sich eine Föderalisierung der Ukraine vorstellen?

Jazenjuk: Nein, das bedeutet eine Dezentralisierung des Landes. Russland will eine Föderalisierung. Sie sind sehr gut darin, uns zahlreiche Empfehlungen zu geben. Aber ich würde Präsident Putin und seiner Regierung vorschlagen, sich mehr auf ihre innenpolitischen Probleme zu konzentrieren.

ZEIT: Gibt es Gespräche zwischen Ihrer und der russischen Regierung über die derzeitige Lage?

Jazenjuk: Das letzte Mal, als ich mit dem russischen Premier Dmitri Medwedew gesprochen habe, war an dem Tag, als das russische Oberhaus die Resolution verabschiedet hat, die dem Präsidenten erlaubt, Truppen in die Ukraine zu schicken. Ich habe dann um einen Rückruf gebeten, aber Medwedew hat sich nie gemeldet. Die letzten direkten Gespräche fanden in Genf statt. Wir sind bereit, die Erklärung umzusetzen. Anders als Russland, das stattdessen nur Öl ins Feuer gießt.

ZEIT: Also hätten Gespräche ohnehin keinen Zweck?

Jazenjuk: Gespräche sind immer sinnvoll. Aber es hängt von Wladimir Putin ab, was für einen Staat er aufbauen und was für ein Erbe er hinterlassen will.

ZEIT: Was glauben Sie, welche Ziele Wladimir Putin in Ihrem Land verfolgt?

Jazenjuk: Seine Pläne gehen über die Ukraine hinaus. Er hat eine Vision: Er will eine neue Weltordnung. In dieser neuen Weltordnung ist Russland wieder mächtig, eine Kopie der Sowjetunion. Putin will die Kontrolle über die ehemaligen Sowjetstaaten zurückgewinnen, und er will mit seinem Militär und seinen Atomwaffen die ganze Welt einschüchtern. Er will die nationalen Gefühle in Russland stärken und so seine Beliebtheit unter den Wählern erhöhen. Er will die Grenzen in Europa annullieren und die Grenzziehungen des Zweiten Weltkriegs rückgängig machen. Er will die Nato-Ausweitung stoppen, er will die Nato eindämmen. Er glaubt, dass er eine höhere Mission erfüllt, indem er Russlands alte Macht und Stärke wiederherstellt. Ich glaube, dass Präsident Putin siegen kann, dass er damit aber Russland langfristig in ein Desaster führen wird.

ZEIT: Was könnte Sieg in diesem Zusammenhang für Russland bedeuten? Eine Invasion in der Ukraine?

Jazenjuk: Die Invasion ist schon längst im Gange. Putin hat sich die Krim geschnappt, und die russische Öffentlichkeit hat ihm kräftig applaudiert, weil der russische Zar erstarkt ist. In Syrien unterstützt er Baschar al-Assad, der für den Tod von mehr als 100 000 Zivilisten verantwortlich ist. Es gibt nur einen Grund, warum Assad noch im Amt ist: weil Russland ihn noch immer unterstützt. Russland kontrolliert auch die eingefrorenen Konflikte in unserer Region, wie in Transnistrien, Abchasien und Südossetien. Putin lässt dort seine Muskeln spielen, er will der ganzen Welt zeigen, wie stark er ist, und niemand kann ihn stoppen.