Über Renate Lasker-Harpprecht hatte ich bis dahin nur von ihrem Mann gehört, dem großen Publizisten Klaus Harpprecht, der bis heute auch für die ZEIT schreibt. Von ihm kam eines Tages der Hinweis, seine Frau habe das Bedürfnis, über ihren Überlebenskampf während des Nationalsozialismus einmal in aller Ausführlichkeit zu sprechen. Renate Lasker-Harpprecht lebt seit den achtziger Jahren mit ihrem Mann an der Côte d’Azur, wo auch dieses Gespräch stattfindet. Wir sitzen in ihrem Wohnzimmer, der Himmel über der Bucht hat sich zugezogen, bald regnet es in Strömen. Kein einziges Mal lässt sich Renate Lasker-Harpprecht während der kommenden Stunden von ihren Gefühlen überwältigen. Manchmal findet sie den richtigen Ausdruck nur im Französischen, Englischen oder Italienischen.

DIE ZEIT: Ihr Mann hat mir gesagt, dass Sie so gut wie nie über Ihre Zeit im Konzentrationslager reden, auch mit ihm nicht.

Renate Lasker-Harpprecht: Wir reden nicht so schrecklich viel darüber.

ZEIT: Fällt es Ihnen mit 90 Jahren denn etwas leichter als früher, davon zu erzählen, was Ihnen in Auschwitz und in Bergen-Belsen widerfahren ist?

Lasker-Harpprecht: Ja, aber nur mit bestimmten Personen. Und nicht unbedingt mit Klaus: Bei dem habe ich das Gefühl, dass er sowieso alles weiß. Ich habe auch Angst, die Leute zu langweilen.

ZEIT: Müssten Sie nicht eher Angst haben, dass Ihnen das Erzählen zu sehr wehtut? Dass die Menschen unsensibel oder grob reagieren?

Lasker-Harpprecht: Ich würde niemals mit Menschen reden, die grob reagieren könnten. Aber ich werde oft gefragt, warum ich nicht mit Bekannten oder Freunden gesprochen habe. Und sehr viele Menschen wundern sich über meine Antwort: Man hat uns nicht gefragt.

ZEIT: Die Leute wollten gar nicht so viel wissen?

Lasker-Harpprecht: Die Deutschen wollten es nicht wissen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Lasker-Harpprecht: Einerseits schämen sie sich alle irgendwie, weil es ja um Deutschland geht. Aber sie tun auch etwas, das mir sehr auf die Nerven geht: Sie fangen sofort an, von ihrem eigenen schrecklichen Schicksal im Krieg zu erzählen. Wie sie ausgebombt wurden. Dann breche ich das Gespräch ab. Der verstorbene Schriftsteller Hans Sahl hat einen Satz geprägt, den ich immer benutze, wenn es nützlich ist: "Wir sind die Letzten. Fragt uns aus!"

ZEIT: Sie sind in Breslau aufgewachsen. Wann haben Sie die Feindseligkeit gegenüber den Juden zum ersten Mal bemerkt?

Lasker-Harpprecht: Im Gegensatz zu meiner Schwester Anita habe ich keine persönliche Anfeindung erlebt. Was in dieser Zeit sehr wichtig war: Ich sehe nicht, wie man so schön sagt, besonders jüdisch aus. Ich habe keine krumme Nase, ich habe keine kohlschwarzen Haare (lacht). Meine Schwester dagegen ist im Grunde genommen ein sephardischer Typ, sie hatte blauschwarze Haare und einen Zinken. Das war ganz schlecht.

Die Deutschen tun etwas, das mir auf die Nerven geht: Sie fangen sofort an, über ihr eigenes schreckliches Schicksal im Krieg zu erzählen
Renate Lasker-Harpprecht

ZEIT: Und Ihre Mitschüler, waren die bösartig?

Lasker-Harpprecht: Nein, das kann ich nicht sagen. Aber da waren diese fabelhaften Eltern, die ihre Kinder sofort in die Hitlerjugend stecken wollten. Ich hatte damals eine Freundin, die einen großen Namen trug: Hella Menzel, eine Nachfahrin von Adolph von Menzel.

ZEIT: Dem berühmten Maler?

Lasker-Harpprecht: Ja, mit der war ich sehr gut befreundet. Sie hat oft bei uns übernachtet, ich war auch öfter bei ihr. Dann kam der Nazi-Umschwung, und ich war wieder mit ihr verabredet. Als ich sie abholen wollte, machte das Dienstmädchen die Tür auf und sagte: "Die gnädige Frau möchte nicht mehr, dass Sie unsere Wohnung betreten." Da war ich erst ein bisschen vor den Kopf gestoßen, aber ...

ZEIT: Sie haben Hella Menzel nie wieder gesehen?

Lasker-Harpprecht: Doch, ich habe sie heimlich noch ein paarmal getroffen. Aber dann habe ich gesagt: "Ich mache das jetzt nicht mehr mit, sonst kriegst du Ärger mit deinen Eltern!" Ich nehme an, sie hat sich ein bisschen geschämt. Denn sie war wirklich nett.

ZEIT: Ich weiß, dass so viel Schlimmeres kam. Dennoch muss diese Abweisung an der Haustür für Sie als Mädchen doch sehr kränkend gewesen sein.

Lasker-Harpprecht: Natürlich. Aber man entwickelt, nachdem das ja alles verhältnismäßig schnell ging, eine dicke Haut. Sonst geht’s überhaupt nicht.

ZEIT: Wie hat denn Ihr Vater reagiert, als die Ausgrenzung der Juden begann?

Lasker-Harpprecht: Es kam ja schlagartig. Wer hätte einen denn vor 1933 auf der Straße ein Judenschwein genannt? Mein Vater hat sich mit Deutschland identifiziert. Er sagte: "Man wird doch diesem Wahnsinnigen sehr bald zeigen, dass wir das nicht gewollt haben!" Deshalb hat er sich auch nicht genug um die Emigration gekümmert. Er ist noch mit dem Schiff nach Israel gereist, damals Palästina, um sich das anzugucken. Aber er ist wieder zurückgekommen.

ZEIT: Er wollte da nicht leben?

Lasker-Harpprecht: Ja, wissen Sie, wenn man ein sehr prominenter und außerordentlich guter Anwalt ist und in ein völlig anderes Land geht, was macht man da?

ZEIT: Hat denn auch die Reichspogromnacht 1938 Ihren Eltern nicht das Gefühl vermittelt: "Nichts wie weg"?

Lasker-Harpprecht: Doch, schon. Man sah immer weniger Juden auf den Straßen. Aber es war überhaupt nicht einfach, das Land zu verlassen. Die anderen Länder wollten nicht unbedingt jüdische Emigranten haben. Mein Vater hat versucht, uns nach Italien zu bringen. Er war ja ein großer Freund der italienischen Kultur. Und es hätte beinahe geklappt! Wir hatten sogar schon unsere Möbel mit einem riesigen Container losgeschickt. Die sind nie wieder aufgetaucht. Wir hatten keine Möbel mehr, wir mussten aus der Wohnung raus, und wir haben dann zusammengepfercht bei Verwandten gelebt, mit denen wir eigentlich nicht schrecklich viel am Hut hatten. Anita und ich wurden zur Zwangsarbeit eingezogen.