ZEIT: Herr Matton, Sie sind Stadtplaner und wollen in den Niederlanden das EW 58 nachbauen, das beliebteste Eigenheim der DDR. Wieso nur?

Ton Matton: Das Haus ist wunderschön – weil es so was von einfach ist! Ich stamme aus Rotterdam, lebe aber seit 13 Jahren in Mecklenburg. Hier sehen Sie in jedem Dorf diese DDR-Eigenheime. Vor einigen Jahren hat die Stadt Almere, die liegt nahe Amsterdam, einen Wettbewerb ausgeschrieben. Gefordert war ein besonders einfaches Haus; der beste Entwurf sollte ein Grundstück gewinnen, auf dem man es bauen kann. Da habe ich, eigentlich als Witz, ein Bild meines Nachbarhauses eingereicht, eines EW 58. Die Idee war, das EW 58 in Mecklenburg ab- und in den Niederlanden wieder aufzubauen. Die Jury war angetan.

ZEIT: Gefällt Ihnen dieses Haus?

Matton: Na ja. Für heutige Verhältnisse ist es eigentlich viel zu klein. Aber die Einteilung ist sehr klug. Im Untergeschoss finden Sie Küche, Wohnzimmer, Diele und Esszimmer auf nur 64 Quadratmetern. Im Obergeschoss Schlaf- und Kinderzimmer sowie das Bad. Sehr schön finde ich, dass man zuerst die Diele betritt. Dort kann man sehr gut Gäste empfangen.

ZEIT: Was ist das Besondere am EW 58?

Matton: EW 58 ist ja die Abkürzung von "Einfamilienwohnung 1958" – und 1958 sind die Entwürfe dafür entstanden. Es ist der Prototyp für ein Haus der fünfziger Jahre: quadratischer Grundriss, steiles Dach, schlichter Giebel. Schnell und einfach zu bauen. Heute betrachten Besitzer ihr Haus nur noch als Konsumgut. Sie suchen sich eines aus dem Katalog aus, bekommen es schlüsselfertig überreicht und zahlen dann 30 Jahre lang Kredite ab. Die EW-58-Eigentümer dagegen waren vor allem Produzenten, weil sie ihre Häuser in aller Regel selbst errichtet haben. Sie haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Heim, ein anderes Bewusstsein dafür. Das hat etwas mit der damaligen Zeit zu tun. Auch mein Vater hat sein Haus in den Niederlanden noch selbst gebaut. Es war einfach so üblich.

ZEIT: Wie originalgetreu wird Ihr EW-58-Nachbau ausfallen?

Matton: Der Witz ist: Es gibt kein Original, es gibt nur Originalzeichnungen. In der DDR haben Eigenheimbauer improvisiert. Es gibt heute in Ostdeutschland Hunderttausende dieser Häuschen, und alle sehen ein bisschen anders aus, obwohl jeder Bauherr die gleichen Unterlagen hatte. Mal sind die Fenster groß, mal klein, mal sind die Dachziegel rot, mal schwarz, mal hat das Haus Keller, Garage oder Terrasse – und mal eben nicht. Je nachdem, was für Material es in der Planwirtschaft gerade gab und welche Fähigkeiten die Helfer hatten.

ZEIT: Hat es mit dem Umzug des EW 58 nach Holland letztlich geklappt?

Matton: Wir haben am Ende nicht ein Haus abgebaut, sondern das Material – Türklinken, Bodenleisten, Lichtschalter, Dachziegel – aus mehreren verlassenen Häusern zusammengetragen. Die Sachen befinden sich schon in Almere. Zurzeit werden sie dort noch in einer Ausstellung gezeigt. Jetzt errichten wir die Fundamente, bald wird das Material vom Museum auf die Baustelle geliefert. Der Einzug soll noch in diesem Jahr stattfinden.

ZEIT: Wer soll in Ihrem Nachbau denn wohnen?

Matton: Meine Cousine wird dort einziehen! Beim Wettbewerb haben wir zwar das Grundstück gewonnen, aber den Bau müssen wir selbst finanzieren. Meine Cousine wird das Haus mit Freunden teilweise selbst bauen, einige Wände sollen aus Lehm und Strohballen bestehen, das gibt der Sache noch einen ökologischen Aspekt. Außen kommt der original graue Kratzputz dran, darauf bestehe ich. Die Höhe der Decken mussten wir anpassen, sonst würden sie den heutigen DIN-Normen nicht mehr entsprechen. Da wird auf alles geachtet.

ZEIT: Haben Sie eigentlich versucht, herauszufinden, wer der Erfinder des EW 58 ist?

Matton: Ja! Ich habe in Archiven geforscht und bin dort auf den Architekten gestoßen. Er heißt Wilfried Stallknecht. Den wollte ich kennenlernen, also habe ich im Berliner Telefonbuch nachgeschaut. Da gibt es viele Stallknechts. Aber gleich beim ersten Versuch hatte ich ihn in der Leitung. Wir haben lange telefoniert, Herr Stallknecht ist heute 85 Jahre alt, ein sehr lieber Mensch.

ZEIT: Hat er Ihnen seinen Entwurf erläutert?

Matton: Na klar. Es waren die fünfziger Jahre, in der DDR herrschte Wohnungsmangel wie überall in Europa. Das Haus sollte nicht mehr als 35.000 Ostmark kosten. Das waren im Grunde nur die Materialkosten, der Bau sollte größtenteils in Eigenleistung erbracht werden. Wer ein Grundstück besaß und eine Baugenehmigung erhielt, bekam vom Bürgermeister für 30 Mark den Bauplan und eine Lizenz, mit der er Material kaufen konnte. Wenn du Glück hattest, gab es Backsteine, wenn du Pech hattest, waren sie gerade alle.

ZEIT: Vermutlich waren sie meist gerade alle.

Matton: Das haben mir die meisten Leute auch erzählt. Ich habe mit Hunderten gesprochen, die solche Häuser besitzen. Alle wussten noch, wie schwierig es gewesen war, trotz Genehmigung an Ziegel und Beton zu kommen. Manche sind ständig mit einem Autoanhänger herumgefahren. Für den Fall, dass es irgendwo etwas geben sollte – einen Sack Zement oder ein paar Dachziegel.

ZEIT: Haben Sie selbst jemals in einem EW 58 gewohnt?

Matton: Nein, aber ich habe jahrelang leere und verlassene Exemplare in der Umgebung aufgesucht, um mich mit Originalteilen einzudecken. Ich habe Bauunternehmer angefleht: Bitte nicht alles Alte wegschmeißen, sondern zu mir bringen! Der frühere Bürgermeister aus unserem Dorf hat irgendwann zu mir gesagt: "Mit deinem Improvisationstalent wärst du ein guter DDR-Bürger gewesen."

ZEIT: Wie kommen Ihre Pläne mit dem EW 58 eigentlich in den Niederlanden an?

Matton: Viele Architekten finden das Haus hässlich, kleinbürgerlich, spießig. Aber ich bin kein Architekt, sondern Stadtplaner. Und muss sagen: In der DDR waren diese Häuser bis zum Schluss beliebt, angeblich wurden 500.000 Stück gebaut. Man sieht sie in fast jedem Dorf. Muss doch was dran sein an diesem Ding.