Massenstreiks, eine explodierende Bombe, Polizisten, die in die Menge schossen, exekutierte Arbeiterführer: Die Haymarket Riots in Chicago vom 1. Mai 1886 begründeten den internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung. Noch unerbittlicher wurden die Proteste für mehr Mitsprache und besseren Lohn Ende April 1914, vor 100 Jahren, zurückgeschlagen. Am Fuße der Rocky Mountains, im Süden des Staates Colorado, wo sich eines der größten Kohlereviere der USA befand, mündete ein bereits seit sieben Monaten andauernder Bergarbeiterstreik in Mord und Totschlag. Das sogenannte Ludlow-Massaker gilt bis heute als das brutalste Kapitel des amerikanischen Arbeitskampfs. Die Gewalt gegen streikende Arbeiter und ihre Familien schockierte die Nation und brachte selbst hartgesottene Kapitalisten wie die Rockefeller-Familie zur Einsicht, dass auf die Belange der Arbeiterschaft mehr Rücksicht genommen werden musste.

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In den Streik getreten waren die Minenarbeiter Südcolorados bereits am 16. September 1913 – unter anderem aufgrund des herrschenden Akkordsystems. Seither war es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten gekommen zwischen den Streikenden auf der einen und Wachleuten der Bergwerksgesellschaft sowie Streikbrechern auf der anderen Seite. Der Gouverneur des Staates Colorado, Elias Ammons, hatte das Kriegsrecht verhängt und die Nationalgarde mobilisiert. Da ihm jedoch Mitte April 1914 das Geld ausging, musste er den Großteil der Garde wieder abziehen. Zurück blieb nur eine einzige Kompanie, die gegenüber dem Eisenbahndepot von Ludlow Stellung bezog. Dort hatten die aus ihren Unterkünften vertriebenen Arbeiter ein Zeltlager für sich und ihre Familien errichtet.

Als am Morgen des 20. April 1914 aus ungeklärten Gründen Schüsse fielen, begann ein heftiges Feuergefecht, das den ganzen Tag andauerte. Die Nationalgardisten beschossen die Zeltkolonie mit Maschinengewehren, obwohl sich dort noch Frauen und Kinder befanden. Am Nachmittag fingen die Zelte Feuer, das Lager brannte nieder. In einem Unterstand wurden am nächsten Tag die verkohlten Leichen von elf Kindern und zwei Frauen gefunden.

Die Nationalgarde stritt jede Verantwortung für die Gewalttat ab. Man räumte aber ein, dass sich die Milizionäre bei der Besetzung der Zeltkolonie in einen "plündernden Mob" verwandelt hätten. Augenzeugen wollten außerdem gesehen haben, wie die Gardisten mehrere Gefangene kaltblütig ermordeten, darunter den Streikführer Louis Tikas, der sich verzweifelt bemüht hatte, das Blutvergießen zu stoppen.

Schätzungsweise 20 Menschen starben am 20. April, fast alle aufseiten der Streikenden. Die Bergarbeitergewerkschaft United Mine Workers of America (UMWA) sprach sogar von mehr als 60 Toten. Und die Gewalt war damit noch lange nicht beendet.

Tausende Bergarbeiter begannen einen Rachefeldzug durch das Kohlerevier Südcolorados, der noch einmal mindestens 30 Menschenleben forderte, diesmal fast ausschließlich unter den Wachmännern und Streikbrechern. Seinen Höhepunkt erreichte der Aufstand am 29. April, als die Streikenden das Städtchen Forbes in Schutt und Asche legten. Die zahlenmäßig unterlegene Miliz war außerstande, das Arbeiterheer zu stoppen. Gouverneur Ammons musste US-Präsident Woodrow Wilson um Hilfe bitten, der 1.600 Soldaten der regulären US-Armee in das Krisengebiet entsandte. Mit dem Eintreffen der Truppen Ende April ebbte die Gewalt ab, doch der Streik ging noch bis Dezember 1914 weiter. Als der Krieg im Kohlerevier vorbei war, zählte man mindestens 75 Tote.

Privatdetektive spionierten im Auftrag der Unternehmer die Bergarbeiter aus

Wie hatte es zu einer derartigen Eskalation kommen können? Waren die Bergarbeiter, von denen ein großer Teil aus Südosteuropa stammte, gefährliche Revolutionäre, die "der barbarische Blutdurst der südeuropäischen Bauern" antrieb, wie die Apologeten der Nationalgarde behaupteten?

Tatsächlich brachten viele der Einwanderer aus Italien, Griechenland und den Ländern des Balkans, die in den Kohlegruben Colorados arbeiteten, militante Traditionen des Widerstands nach Amerika. Doch war die ethnische Zersplitterung der amerikanischen Arbeiterschaft eher ein Hindernis für die gewerkschaftliche Organisation. Afroamerikaner und Neueinwanderer ließen sich leicht als Streikbrecher und Lohndrücker einsetzen und zogen sich so den Hass der alteingesessenen Arbeiterschaft zu. 1885 schlachtete ein Mob weißer Arbeiter in Rock Springs, Wyoming, mehr als 30 chinesische Bergleute ab. Da die meisten der Neuankömmlinge kein Englisch verstanden, wussten sie oft gar nicht, dass sie als Streikbrecher angeheuert hatten.

Auch unter den etwa 1.200 Bewohnern des Camps in Ludlow wurden angeblich 22 verschiedene Sprachen gesprochen – neben den Süd- und Osteuropäern fanden sich dort zahlreiche Mexikaner sowie einige Tiroler. Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen waren keine Seltenheit. Umso bemerkenswerter ist, dass die UMWA den Streik 15 Monate lang durchhalten konnte.

Der Hauptwidersacher der Gewerkschaft war die Colorado Fuel & Iron Company (CF&I). Als größte Bergwerksgesellschaft im Kohlerevier von Südcolorado beschäftigte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 13.000 Arbeiter. Verantwortlich für die Geschäfte der CF&I war John D. Rockefeller, Jr., dessen Familie die Aktienmehrheit am Unternehmen hielt. Paternalistische Großkapitalisten wie die Rockefellers sahen in Gewerkschaftern Verschwörer gegen die Vertragsfreiheit und Agitatoren, die zufriedene Arbeiter aufhetzten. Gegenüber einzelnen Beschwerden aus der Arbeiterschaft zeigten sie sich aufgeschlossen, die Anerkennung unabhängiger Gewerkschaften als Verhandlungspartner bekämpften sie jedoch.

Dabei verließen sich die Unternehmer nicht allein auf die Staatsmacht. Sie heuerten Privatdetekteien wie die berühmt-berüchtigte Pinkerton-Agentur an, die Arbeiter ausspionierte und Werkschutzeinheiten aufbaute. Die Grenzen zwischen den Privatarmeen der Unternehmen und der Nationalgarde waren fließend. So stellte die CF&I im Herbst 1913 sicher, dass die Staatsmilizionäre von Colorado ihren Sold erhielten. Repressionen dieser Art seitens der Unternehmer und des Staates waren ein wichtiger Grund für die – etwa im Vergleich zur deutschen Sozialdemokratie – organisatorische Schwäche der US-Arbeiterbewegung.