Wenn in Deutschland von Komik die Rede ist, bleibt den meisten das Lachen im Halse stecken. Mario Barth, Atze Schröder, Cindy aus Marzahn: Die erfolgreichsten Comedians sind selber Witzfiguren. Der Gag als Grimassierübung, die Pointe auf Flatulenzniveau. Hamburg hält sich bei Humordebatten grundsätzlich zurück. Man schmunzelt lieber, als dass man grölt. Bierzeltspäße und Karnevalsklamauk sind nicht die Tonlage der Wahl. Selbst im Ohnsorg-Theater, der traditionellen Humorzentrale der Stadt, gilt Schenkelklopfen als nicht opportun. Und überhaupt: Für Hanseaten ist nicht das Zwerchfell das entscheidende Organ, sondern der Kopf.

Die Bescheidenheit ist falsch, im Sinne von: nicht angemessen.

Denn die beste Comedy des Landes kommt aus Hamburg, hier pflegt man eine Scherzkultur, die nicht nur die anderer Regionen überragt, sondern auf dem internationalen Parkett lässig bestehen kann. Was in England und Amerika, den Mutterländern der Komik, ausgeheckt wird, machen sie hier schon lange.

Sie, das sind die Leute von Studio Braun und ein Mann namens Olli Dittrich, auch bekannt als Dittsche. Studio Braun feierte am 3. Mai im Thalia Theater mit Fraktus Premiere, einem Stück über eine Popband, die in den achtziger Jahren den Techno erfunden haben soll. Die Gruppe gab es nie, sie ist ein Geschöpf von Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk. Die drei drehten einen Konzertfilm, spielten Songs ein, jetzt wird die Bandbiografie zum Theaterstoff. "Wir sind eine politische Formation", sagt Schamoni in der Rolle des Fraktus-Sängers. "Es gibt ja kaum mehr Informationen für die Leute." – "Ja", sekundiert Strunk. "Weil sie die Faxe abgeschafft haben."

So funktioniert Studio-Braun-Humor: Die Wirklichkeit ist nur die erweiterte Bühne des Komödianten. Es geht darum, die Realitätsebenen so weit zu verschachteln, dass schließlich die tatsächlich existierenden Künstler weniger glaubhaft wirken als die von ihnen dargestellten Freaks.

Olli Dittrich macht das, was Studio Braun tut, nur im Alleingang: Er arbeitet an der Einebnung von Erfindung und Wahrheit, Original und Täuschung. Wenn er als Dittsche in Jogginghosen und Adiletten in einem Eppendorfer Imbiss über das Leben räsoniert, dann ist nach Minuten vergessen, dass da ein Schauspieler Comedy zum Besten gibt. "Die Bild-Zeitung heißt so, weil sie Bilder zeigt. Eigentlich müsste sie Bild-Zeigtung heißen" – so einen Satz könnte man in jeder Frittenbude hören. Gleichzeitig hat er die kulturkritische Schärfe eines Medienseminars.

Dittsche wird komplett improvisiert und live ausgestrahlt. Die Sendung sieht aus wie der Mitschnitt einer Überwachungskamera, man denkt an die Bloßstellungsästhetik der vielen Container-Shows oder die Indiskretion eines modernen Spitzelstaats.

Darsteller, die in die Kamera sprechen oder aussehen, als würden sie ertappt: Dieses Verfahren gehört heute zum Stilprinzip der besten Komiker weltweit. Der mit Preisen überhäufte Amerikaner Louis C. K. spielt in seiner Show einen trotteligen Comedian namens Louis. Die Sitcom von Amy Poehler, die den Beamtenalltag in einer amerikanischen Kleinstadt persifliert, sieht aus wie eine Film gewordene Mobbing-Aktion. Bei Dittsche gibt es dieses pseudodokumentarische Peinlichkeitstheater auch – seit mehr als zehn Jahren.

Dass die Humor-Avantgarde ausgerechnet in Hamburg ansässig ist, passt zum Lebensgefühl der Stadt. Der Hanseat, stets mit einem gefühlten Nieselregen im Gesicht, kultiviert ein tapferes Verhältnis zur Umwelt. Das Dasein mag ungemütlich sein, beschweren wird man sich darüber aber nicht, sondern höchstens mokieren – mit entsprechender Contenance.

Das Unbeeindrucktsein ist als Grundhaltung anthropologisch verwurzelt, vielleicht hat man als Hafenstadtbewohner einfach schon zu viel gesehen, um sich irgendwelchen Wahrnehmungs- und Erregungsmoden hinzugeben. Für Katastrophen, das Basismaterial jeder guten Comedy, ist man hier bestens gerüstet: Ob Überschwemmung, Krawalle oder Mareile Kirsch – die Haltung wird gewahrt. Dead pan nennen Engländer die stoische Reglosigkeit, mit der Komiker das Hochnotpeinliche parieren. Hamburg ist dead pan, auf breiter sozialer Front.

Studio Braun und Dittrich haben mit Telefonsketchen angefangen. Man kitzelt aus einem Alltagsinstrument so lange die Skurrilität heraus, bis am Ende das gesellschaftliche Miteinander selbst zur Debatte steht.

Dittrich sprach in den Achtzigern Minisketche auf seinen Anrufbeantworter, Kommentare zum Stadtgeschehen. Es ging um die merkwürdige Straßenführung am Dammtor oder mangelhafte Fahrradwege, lokaljournalistische Einlassungen als Hörspiel-Groteske. "Das fanden die Leute witzig", sagt Dittrich am Telefon. "Irgendwann kursierte meine Nummer in der Stadt. Wildfremde Menschen riefen mich an, wollten mich aber gar nicht sprechen, sondern nur die AB-Ansage hören."