Die meisten Besucher, die sich im Herrensaal der Hauptkirche St. Petri versammelt haben, sehen nicht aus wie Marathonmänner. Es sind ganz normale Hamburger, manche etwas rundlich, manche nicht mehr jung. Trotzdem interessieren sie sich fürs Laufen, wenn auch in anderer, man könnte sagen überhöhter Form. Es geht an diesem Abend um die "Einführung ins spirituelle Laufen". Vorn steht ein Mann Anfang 50 im karierten Hemd, gertenschlank, 70 Kilo auf 186 Zentimeter verteilt, Knochen, Sehnen, Muskeln, kein Gramm Fett. "Guten Abend", sagt der Mann, "mein Name ist Frank Hofmann, ich habe früher einmal Philosophie studiert, um meinen Atheismus besser begründen zu können. Seit 2010 bin ich Christ, seit 2011 Mitglied der evangelischen Kirche."

Die Welt ist voller Bekehrungsgeschichten. Der Christenverfolger Saulus erblindete einst, und als sein Augenlicht zurückkehrte, nannte er sich Paulus und wurde Apostel. Der Philosoph und Religionsverächter Augustinus saß in seinem Garten, da sang irgendwo ein Kind "heb’s auf und lies", und er griff nach dem Buch, das da lag: Es war die Bibel. Augustinus wurde der größte Kirchenvater der Spätantike – vielleicht sogar aller Zeiten.

Frank Hofmann ist kein Kirchenvater und kein Apostel. Aber eine Erweckung hatte auch er. Er ist Journalist, und ihn bekehrte die Beschäftigung mit Gott beim Laufen. Da war er Mitte 40. "Mein Marathon zu Gott", sagt er.

42,195 Kilometer. So lang ist ein Marathon. 22.500 Menschen tun sich das an diesem Sonntag in Hamburg an, quälen sich stundenlang durch die Stadt, mit schmerzenden Muskeln. Tausende Menschen, denen es nicht ums Gewinnen gehen kann – sondern um die Gemeinschaft. Laufen, so weit, so lang, ist mehr als reiner Spaß, reiner Wettbewerb. Laufen ist immer eine Erlösung, vielleicht ein Weglaufen, vielleicht eine Hinwendung. Laufen ist eine Erweiterung des Horizonts. Für Frank Hofmann ist es eine Öffnung des Geistes.

Auch jeder Tag in Hofmanns Leben beginnt frühmorgens mit einem Lauf. Er tritt aus seinem Haus und läuft sich ein, 300 Meter sind es bis zur Elbe. Er läuft allein. Doch er hat das Gefühl: Ich bin nicht allein. Nach einer Weile lässt die Erdanziehung nach, und er wird leicht. Dann beginnt Hofmann zu beten. Er rennt an der Elbe entlang, er beobachtet das Licht, das durch die Wolken dringt und sich auf den Wellen bricht. Jeden Tag wechselt die Farbe, die Kräuselung des Wassers. Einatmen, ausatmen, alle sechs Schritte ein Atemzug. Er betrachtet, ohne stehen zu bleiben, was der Fluss angeschwemmt hat – Holz, Pflanzen, Spielsachen.

Dann biegt er ab in den Jenischpark. Er denkt: "So könnte das Paradies aussehen, schöner kann man Landschaft nicht bauen." Es ist hügelig hier, aber nicht so sehr. Man kann sich verstecken, es gibt kleine Hütten, zahllose Baumsorten mit ihren unterschiedlichen Grünschattierungen, tausend Sichtachsen – und aus jeder wirkt der Park anders und doppelt schön. Hofmann schwebt auf einer Wolke von Adrenalin durch den Park. Manchmal hört er Bach-Choräle durch die Kopfhörer, manchmal spricht er im Geiste das Vaterunser. Er wartet auf Antwort. Dann bilden sich Gewissheiten in ihm, sagt er. Er fühle sich erhört, beseelt.

Gläubig sein heißt für Hofmann: in Bewegung sein. Wer sich bewegt, von dem fallen Angst und Stress ab. Und er begegnet Menschen. Den Hörern im Herrensaal von St. Petri erzählt Hofmann nun von der Bibel als einem Buch der Bewegung: "Abraham lief 2500 Kilometer." Das Volk Israel war nach seinem Auszug aus Ägypten ganze 40 Jahre ins Gelobte Land Kanaan unterwegs, und Gott ging mit und führte den Zug an, als Wolke bei Tag, als Feuersäule bei Nacht. So steht es geschrieben: Ein Gott des Weges. "Heimat ist nicht da, wo wir herkommen", sagt Hofmann, "sondern da, wo wir hingehen." Immer geht es ums Ziel.

Der Prophet Elija rannte um sein Leben, 150 Kilometer. Doch erst nach weiteren 40 Kilometern durfte er Gott schauen. "Elija ist der Ultraläufer des Alten Testaments", sagt Hofmann. Das Publikum blickt beeindruckt. Und dann natürlich Jesus – ein Wanderprediger mit nicht exakt nachvollziehbarer Route. Aber ohne Pause unterwegs, unerbittlich seiner Bestimmung entgegen. Der Apostel Paulus legte auf seinen Missionsfahrten im Mittelmeerraum 30.000 Kilometer zurück, davon 10.000 zu Fuß. All das hat Hofmann nachgemessen, nachgerechnet. Er hat es gern präzise, er liebt Zahlen.

Wer zu Gott will, sagt er, müsse aufstehen, aufbrechen, sich aufmachen. Wanderer werden, auf Pilgerfahrt gehen. Oder rennen. Manchmal ist der Weg nicht weit.