DIE ZEIT: Herr Kerstan, warum ist die Opposition in Hamburg so schwach?

Jens Kerstan: Für die Opposition ist es immer schwierig, wenn eine Partei mit absoluter Mehrheit regiert. Aber wir müssen immer wieder feststellen, dass unser Parlament schlecht ausgestattet ist. Verglichen mit anderen Länderparlamenten ist es für uns in Hamburg schwierig, unsere Kontrollfunktion gegenüber dem Senat zu erfüllen.

ZEIT: Die Kontrolle der Bürgerschaft hat versagt?

Kerstan: Es gibt eine Reihe großer Projekte, die nicht gut gelaufen sind. Da wird uns Volksvertretern die berechtigte Frage gestellt: Warum habt ihr das eigentlich nicht vorher gemerkt, dass da was schiefläuft? Bei der Elbphilharmonie war das so, aber auch jetzt gerade bei der Umsetzung des Volksentscheids zum Rückkauf der Energienetze.

ZEIT: Und wieso haben Sie es nicht gemerkt?

Kerstan: Die Bedingungen, unter denen wir in der Bürgerschaft arbeiten, einem Teilzeitparlament, lassen eine hundertprozentige Erfüllung der Aufgaben nicht zu. In anderen Landesparlamenten gibt es Berufspolitiker, die haben bis zu drei Mitarbeiter. In Hamburg haben wir Teilzeitabgeordnete, die einen einzigen Mitarbeiter haben, in Teilzeit. Da stoßen die Kollegen bei allem Einsatz an Grenzen. Teilweise braucht man Mut zur Lücke.

ZEIT: Hamburgs Abgeordnete setzen bei Abstimmungen auf Mut zur Lücke?

Kerstan: Da führt manchmal kein Weg dran vorbei. Nehmen wir den Netze-Rückkauf. Die Grünen hatten Akteneinsicht beantragt. Aber Zehntausende Seiten Akten zu prüfen, das ist schlicht nicht zu schaffen. So etwas ist auch beim Hapag-Lloyd-Deal passiert, bei der Elbphilharmonie, bei etlichen teuren, großen Weichenstellungen. Es geht da um komplizierte juristische Vorgänge – Baurecht, Energierecht, Beteiligungsrecht –, für deren Beurteilung man viel Fachwissen braucht. Eine kleine Fraktion wie unsere kann diese Expertise nicht vorhalten. Noch ein Beispiel: Unser Parlament hat noch nicht einmal Zugriff auf Nachrichtenagenturen wie dpa, der Senat schon. Das gibt es sonst nirgends außer in Bremen.

ZEIT: Was wäre die Lösung?

Kerstan: Kurzfristig sollte man den Abgeordneten, wie in andern Ländern, einen wissenschaftlichen Dienst zur Seite stellen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein Teilzeitparlament noch zeitgemäß ist.

ZEIT: Sie wollen das Feierabendparlament abschaffen?

Kerstan: Die altehrwürdige Institution eines Teilzeitparlaments stößt an Grenzen. In allen anderen Bereichen vertrauen wir Spezialisten. Nur Politik soll man in Hamburg nebenbei machen können.

ZEIT: Es gibt das weit verbreitete Gefühl, Landespolitik werde immer unwichtiger. Und Sie wollen ausgerechnet das Landesparlament stärken?

Kerstan: Hamburgs Bürgerschaft ist da etwas Besonderes, weil sie nicht nur ein Landes-, sondern gleichzeitig ein Kommunalparlament ist. Das ist eine Doppelbelastung. Wir beraten über ein breiteres Themenspektrum als andere Länderparlamente. Wir haben Themen wie G 9 oder Primarschule, aber darüber hinaus viele Großprojekte. Ein Landtag in Kiel hat mit Bauten wie einer Elbphilharmonie nichts zu tun.