Fangen wir im Westen an, bei Tom Buhrow, dem Mann "mit dem Liftboy-Lächeln". 55, steile ARD-Karriere, Moderator der Tagesthemen und seit Juli 2013 Intendant des WDR. Buhrow ist Bob-Dylan-Fan, spielt E-Gitarre und hat dem WDR einen knallharten Sparkurs verordnet. Knallhart unterstützen soll ihn dabei ab 1. Mai Valerie Weber, seine neue Hörfunkdirektorin: 48, Privatradiokarriere, zuletzt Geschäftsführerin von Antenne Bayern (mit vier Millionen Hörern täglich die erfolgreichste deutsche Radiowelle). Weber wird sich mit der so fantasielos gemachten wie instinktlos vermittelten Reform des Klassik-gestützten Senders WDR3 von 2012 befassen müssen. Damals hagelte es Proteste. WDR3 hören täglich 1,8 Prozent der Bevölkerung in NRW, 290 000 Menschen. Das ist nicht toll, aber stabil.

Weiter südlich blickt die Kulturwelle SWR2 mit 2 Prozent Marktanteil zwar auf eine etwas bessere Quote, seit aber Peter Boudgoust, 59 und Jurist, in Stuttgart agiert, haben sich die Aussichten für die Kultur eklatant verschlechtert. Boudgoust jagte eine Orchesterfusion durch den Rundfunkrat, die in der Musikwelt Hohn, Spott und Bestürzung hervorrief. Das als Spitzenensemble für Neue Musik ausgewiesene SWR Symphonieorchester Baden-Baden und Freiburg soll 2016 mit den Stuttgarter Radio-Symphonikern verschmelzen, und es fühlt sich nicht so an, als würde der massive internationale Widerstand dagegen irgendetwas ausrichten. "Der Zug ist abgefahren", ließ Johannes Bultmann kürzlich verlauten, der künstlerische Leiter der Fusion. Kaltschnäuziger geht es nicht.

Bultmann, 53, ist Musikwissenschaftler und führte bis 2013 die Essener Philharmonie. Leute wie er wissen, dass man eine Karriere im postmodernen Musikmanagement am besten gegen die Musik macht. Die ARD hat das tief inhaliert. Ihre Intendanten entstammen allesamt der ersten Generation der Nach-68er und haben von den einstigen Weltverbesserern vor allem das militante Desinteresse an der Hochkultur geerbt. Mit Bob Dylan lässt sich noch Staat machen (steckt nicht in jedem Liftboy ein kleiner Revoluzzer?) – mit Mozart geht das nicht mehr. Im Gegenteil: Je bodenloser die Programmreformen, je drastischer die Etatkürzungen, umso lustiger flattern die Fähnchen der Hierarchen im Wind. Winkt da noch wer mit dem Bildungsauftrag, den die ARD per Gesetz hat, mit der kulturellen Grundversorgung für alle? Das lässt sich durch Rabulistik regeln. Ansonsten gilt, und das ist neu: Proteste werden ausgesessen. Im Zweifelsfall sterben die Protestierer vor denjenigen, gegen die sich ihr Protest richtet. Geht es nach Buhrow, Boudgoust & Co., sind Klassikliebhaber nämlich vor allem eins: alt.

Auch der Bayerische Rundfunk bekommt am 1. Mai einen neuen Hörfunkchef: Martin Wagner, 59, zuvor Leiter des Studios Franken. Gemeinsam mit Intendant Ulrich Wilhelm (52, Ex-Regierungssprecher von Angela Merkel) hat Wagner viel vor. "Trimedialität" lautet das Zauberwort, TV, Radio und Internet im Paket, und um ein Exempel zu statuieren, soll BR Klassik – der einzige reine Klassiksender der ARD – ab 2016 seine UKW-Frequenz an die Jugendwelle Puls abtreten und nur mehr über das schlecht verbreitete Digitalradio DAB+ oder im Netz zu empfangen sein. Seit wann drücken die Digital Natives auf die Knöpfe von Mutters Küchenradio, fragt man sich, und welcher Klassikfan rüstet Heim und Auto mit einer Technik auf, die so wenig Akzeptanz besitzt? Man wolle den klassischen Hörerkreis erweitern, heißt es lapidar, und setze auf die "expeditiven" Gesellschaftsmilieus, die "Ökos" und "Performer". Im Übrigen müsse man etwas für "das junge Publikum" tun, das zahle auch Gebühren.

Mit anderen Worten: Die Jugend braucht keine Klassik mehr – und deren Stammhörer sind Wagner & Wilhelm herzlich schnurz. Die Klientel von Bayern1 oder Bayern3 durch digitales Umtopfen zu vergrätzen, hat man bei jeweils knapp drei Millionen Hörern täglich nicht gewagt. BR Klassik nutzen "nur" 260 000 Menschen, deren Gegenwehr (eine Onlinepetition mit 44.000 Unterschriften, Leserbriefseiten, Appelle) hält sich in quasi natürlichen Grenzen. Liveübertragungen aus Bayreuth soll es zum Trost weiter geben (auf Bayern2), zudem bekommen die Klangkörper des BR eine digitale Konzerthalle, in der man gegen Bezahlung im Internet Livestreamings von Konzerten abrufen kann. Nicht einmal die Berliner Philharmoniker verdienen damit bislang Geld.

Ist die ARD flächendeckend verrückt geworden? Wo Zuhören nach Quote geht, liegt der Schluss nahe. Menschen aber, die über Gegenstände bestimmen, von denen sie nichts verstehen (wollen), sind so. Nicht nur im Radio.