Sie wollten Gerechtigkeit und bekamen Regen. An einem feuchten Samstag spazieren im vergangenen Jahr aufgebrachte Eltern in neongelben Warnwesten durch die Linzer Innenstadt. "Wie viele Kinder müssen noch behindert werden?", steht auf ihren Transparenten oder: "Impfen gefährdet das Leben!" Die Mütter und Väter marschieren Hand in Hand mit ihren Kindern und sogar den Großeltern. Den Medien erzählen sie bereitwillig ihre Geschichten von schwerkranken und toten Kindern. "Meine Tochter ist mit sechs Monaten gegen Polio geimpft worden. Zwei Tage später hatte sie einen Status epilepticus und in der Folge einen Schlaganfall mit zehn Monaten", sagt eine Mutter. Schuld daran soll die Impfung gewesen sein, darin sind sich alle einig.

Laut einer Umfrage des Karl-Landsteiner-Vereins zur Förderung medizinisch-wissenschaftlicher Forschung stehen 57 Prozent der österreichischen Eltern dem Impfen skeptisch gegenüber – Tendenz steigend. Tatsächlich tobt seit Jahren ein erbitterter Kampf um die Meinungshoheit. Auf der einen Seite steht das medizinische Establishment, auf der anderen die Impfgegner-Bewegung.

Ihre Proponenten prangern auf Webseiten vertuschte Impfschäden an und propagieren die "Selbstheilungskräfte" des Körpers. In Onlineforen schreiben sie über Masern-Partys, auf denen sich Kinder absichtlich ansteckten, und wettern gegen die "mafiös strukturierte Medizin".

Mediziner und Wissenschaftler fürchten derweil um ihre wirksamste Waffe gegen ansteckende Krankheiten. Denn Argumente für das Impfen scheinen ihre Wirkung zu verlieren. An der Impffrage entlädt sich das Misstrauen der Bevölkerung gegen Wissenschaft, Marktwirtschaft und Behörden. Auf der Strecke bleibt eine sachliche Debatte über strengere Kontrollen der Medizinwirtschaft und über die Frage, wo die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder aufhört und jene für die Gesellschaft beginnt.

Franziska Loibner, die Organisatorin der Demonstration in Linz, bildet mit ihrem Mann die Speerspitze der Impfgegner in Österreich. Der homöopathische Arzt Johann Loibner begann als Landarzt in Ligist, 20 Autominuten westlich von Graz. Früher hat auch der 70-jährige Alternativmediziner seine Patienten geimpft. Heute sagt Loibner: "Ich habe die schwersten Krankheiten und Schäden durch Impfungen gesehen." Er spricht von Allergien, Gehirnentzündungen und multipler Sklerose, die allesamt kurz nach einer Impfung aufgetreten seien. Kein Zufall, ist er überzeugt. Das Ehepaar tourt unermüdlich durch Österreich, produziert DVDs und fördert impfkritische Stammtische.

Ursula Wiedermann-Schmidt kennt die Gruppen und ihre Argumente. Sie leitet das Institut für spezifische Prophylaxe an der Medizinischen Universität Wien und ist Vorsitzende des nationalen Impfgremiums, das den österreichischen Impfplan erstellt. "Es gibt kaum etwas, dass so massiv positive Effekte für die Weltgesundheit gebracht hat, wie Impfungen", sagt sie. "Es ist beunruhigend, zu sehen, wie diese aufgrund von Fehlmeldungen und Ängsten in ein schlechtes Licht gestellt werden."

In der Wissenschaft herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass den Impfgegnern die Faktenbasis für viele ihrer Behauptungen fehle. 1998 wollten die Autoren einer Studie im Fachjournal The Lancet eine Verbindung zwischen dem Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff und Autismus-Erkrankungen gefunden haben. Es war die Geburtsstunde der Impfgegner-Bewegung. Doch in einem Dutzend anschließenden epidemiologischen Untersuchungen konnte keinerlei Verbindung zwischen dem Immunserum und Autismus gefunden werden. Die Studie wurde 2010 unter Fälschungsvorwürfen zurückgezogen. Auch der angebliche Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien scheint mehreren Studien zufolge mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu bestehen.