An einem gewöhnlichen Frühlingstag, an dem seine ukrainische Heimat langsam weiterbröckelt, rast Petro Poroschenko mit seiner kleinen Entourage in einem schwarzen Range Rover über die holprigen Straßen in der Zentralukraine, der Fahrer drückt aufs Gas, Felder verschwimmen zu grünen Schlieren, alles ist gut. Petro Poroschenko ist auf dem Weg zu seiner nächsten Wahlkampfveranstaltung, die Leute warten schon auf ihn. Er wird Hände schütteln, Kinder herzen, Applaus bekommen, denn keiner gibt so vielen Leuten hier Arbeit wie er, Petro Poroschenko. Seine Frau ist bei ihm, der Wagen beschleunigt auf 170 Stundenkilometer, was für ein Stück herrlicher Normalität zu einer Zeit, in der das Normale nicht mehr selbstverständlich ist.

Noch etwas mehr als drei Wochen, dann sind Wahlen in der Ukraine, am 25. Mai soll der Übergangspräsident abgelöst werden durch einen vom Volk gewählten. Es könnte das Ende aufreibender Monate sein, in denen auf dem Maidan ein Aufstand begann und der korrupte Präsident verjagt wurde, auf dass eine neue, bessere Zeit beginnen möge: mit einer neuen Verfassung, einem neuen Präsidenten, einer Post-Maidan-Gesellschaft für alle Ukrainer. So in etwa könnte die Geschichte gehen, die Petro Poroschenko gern erzählen würde, denn sein Wahlkampfmotto heißt "Auf neue Weise leben".

Doch während auf dem Kiewer Maidan die ersten Sandsäcke abgetragen werden, schichten Separatisten im Osten Gummireifen zu Barrikaden auf. Und Petro Poroschenko muss sich fragen, wie er eigentlich gewählt werden soll, wenn in einem Teil des Landes Checkpoints errichtet und Regierungsgebäude besetzt werden; wenn Soldaten die Seiten wechseln, Polizisten Maskierte mit Kalaschnikows gewähren lassen und ein selbsternannter Bürgermeister in Slawjansk internationale Beobachter als Geiseln nimmt.

"Die Frage ist nicht, ob ich Präsident werde, sondern wann"

Poroschenko wird Schokoladenzar genannt, weil er mit seinen Pralinen Marktführer in Osteuropa ist. Bis zur Wahl sind es noch ein paar Wochen, aber schon jetzt, sagen seine Konkurrenten, habe seine Kampagne 40 Millionen Euro verschlungen. Poroschenko ist einer der reichsten Männer des Landes, er ist Herrscher eines Imperiums, zu dem mittlerweile diverse Medien, Auto-, Rüben-, Korn- und Samenhandelsunternehmen sowie eine Werft gehören. Sein Vater Aleksej führt die Familiengeschäfte.

Mit seinen 48 Jahren besitzt Poroschenko laut Forbes mehr als eine Milliarde Euro. Er könnte sich eine schöne Insel kaufen oder eine ganze Stadt, Geld genug hat er, aber es zieht ihn wieder in die Politik. Poroschenko war Außenminister, dann Wirtschaftsminister, er hat immer schon die Nähe der Macht gesucht. Jetzt ist seine Chance gekommen. Bei dieser Wahl sehen ihn alle Umfragen weit vorn. Fragen ihn Journalisten, was er als Erstes tun werde, falls er Präsident werden sollte, verbessert er sie: "Die Frage ist nicht, ob ich Präsident werde, sondern wann."

Wäre da nicht der Osten und die Einmischung der Russen.

Der Wahlkampf im Osten, sagen Leute aus Poroschenkos Team, gleiche einer Tour ins Kriegsgebiet. Als sie kürzlich nach Luhansk unweit der russischen Grenze reisten, durfte Poroschenkos Pressesprecher Andrij im Vorfeld mit niemandem darüber reden. Nur Kameraleute von Poroschenkos eigenem TV-Sender "Fünfter Kanal" durften mit ins Privatflugzeug.

Manchmal, sagt der Pressesprecher, streuten sie absichtlich falsche Informationen, damit bis zum Schluss nirgendwo durchsickere, wo Poroschenko sich im Osten aufhalte. Zugleich gilt es zu beweisen, dass er dort war: Niemand soll später die Wahl anfechten können, weil der Kandidat sich in Charkiw, Donezk oder Luhansk aus Angst vor den Separatisten nicht habe blicken lassen. Poroschenko will zeigen, dass er um jede Stimme kämpft, muss dies aber aus Sicherheitsgründen teilweise ohne Öffentlichkeit tun.